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Flurnamen von Schluchtern

Eng verbunden mit der Landschaft, mit ihrer Pflanzen- und Tierwelt, Bodenbeschaffenheit, Wasservorkommen usw. sind die Flurnamen. Leider wird ihr Gebrauch mit dem Zusammenschmelzen des in der Landwirtschaft beschäftigten Personenkreises immer unsicherer. Selbst Bauernkinder kennen sie nur recht lückenhaft. Dem mehr und mehr zur Stadt hin orientierten Bürger der Arbeiterwohngemeinden fehlt die lebendige Beziehung zu den Flurstücken, er kennt höchstens einen oder den anderen Weg.

Die Flurnamen sind, betrachtet man sie über längere Zeitspannen, durchaus nicht so starr und unabänderlich, wie es scheint. Im frühen Mittelalter und darüber hinaus kamen sie oft nur durch mündliche Überlieferung auf die Nachfolger, die ihrerseits die alte Bezeichnung nicht mehr verstanden oder missdeuteten, so dass nun schwer zu klärende neue Flurnamen auftraten. Damit stehen wir bereits inmitten eines interessanten Teilgebietes der Heimatforschung.
Quelle: Festschrift 1200 Jahre Schluchtern

 

Flurkarte Schluchtern von 1871

Quelle: Landesarchiv Baden-Württemberg H-1 Nr. 1674

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Flurkarten historisch SL 1871

 

Das Studium alter Urkunden lieferte eine Reihe netter Überraschungen. So schreibt das alte Dorfrecht vom Bleuersberg, was sicher auf seinen blau-grauen Boden zurückgeht; in späterer Zeit wurde der Leiersberg daraus. Der Herdenweg führte vom ehemaligen Schaftor an der Großen Hohle zu einer Allmende auf Großgartacher Markung am Stahlbühl (heutige Hummeläcker). Spätere Geschlechter machten daraus einen „Herrenweg“. So hieß auch die Almosbrücke Allmendsbrücke, denn auch dort lag eine Allmende (Allmende = Gemeindegut, -flur). Ein kleines Flurstück im Ried, die Dörtzäcker, nennt man in allen alten Urkunden Dörtz-Eggerte. Eggerte waren gemeinsam benutzte minderwertige Weideländer. Aus dem Herzogenwald wurde der Herrenwald, und aus dem Teilwald entstand Talwald.

Eine beachtliche Reihe alter Namen sind im Verlauf der Jahrhunderte vergessen worden, so das schon genannte Schaftor, das Schwaigertor, durch das man alle westlich gelegenen Fluren erreichte und das Brückentor, durch das man auf die Äcker der südlichen Markung gelangte.

Erhalten hat sich lediglich der Name für das 4. Tor, das Faltertor, ein Falltor in Richtung Großgartach. Die genannten Tore, wir müssen sie uns in Verbindung mit dem Dorfgraben denken, der sich um den ganzen Ort herumzog, waren aber keineswegs Verteidigungsanlagen. Sie dienten, wie ja auch der Graben, in erster Linie dazu, alles Kleinvieh, das früher innerhalb des Dorfes freien Lauf hatte, von den eingebauten Äckern abzuhalten. Verschollen sind auch Koppenhelde und Schlenkertshelde zwischen Hofstätte und Schwaigerner Mühle. In den Heischbüchlein der Grafen von Neipperg aus dem 17. und 18. Jahrhundert werden sie noch gebraucht.

Um das Dorf waren Krautgärten unterm Schwaigerner Weg und im Neugärtle angelegt. Mit Brühl bezeichnete man ursprünglich immer eine ertragreiche Wiese, die oft von Bäumen begrenzt war. In den erwähnten Neipperger Urkunden findet sich auch die Bezeichnung Kupferschmiede, womit sich der Kupfer erklärt. Der Silzen oder auch Sülzen deutet auf salzig-morastiges Wasser. Wirklich wurde dort 1809 nach Salz gebohrt. Die Deutung von Breit-, Lang- und Ochsenwiesen fällt leicht, dagegen scheint Schärpfertswiese vom mittelalterlichen scharpf, soviel wie eckig, spitzig zu stammen. Das Rot kommt von roden. Tatsächlich gehörten der Taschenwald und unsere nördliche Markung in weiterer Verbindung mit dem Buchtal in Schwaigern zu dem Königsbann, also einem ausgedehnten Wald, der sich bis Neckargemünd erstreckte, den Otto III. (980—1002) dem Bischof von Worms schenkte.

Von der Bodenart sind abzuleiten: Röthe und Kiesberg, Griebenäcker (enthalten Grieben, das sind Steinmergel)‚ und Leimen ist die Bezeichnung für Lehm. Schriften erwähnen auch noch die Lehmgrube am Trautenbusch. Es war der alte Turnplatz am Ende der Kleinen Hohle, der 1946 aufgefüllt wurde und heute überbaut ist. Auf Wasserüberschuß weisen Ried, Sumpf, aber auch Schlätle hin. Die Schnepfenäcker werden wohl einst auch feuchter gewesen sein. In die Reihe der Tierflurnamen gehören noch der Lerchen- und Eulenberg. Dem aufmerksamen Beobachter wird nicht entgehen, daß diese Namen auch heute zu Recht bestehen. Ein abgegangenes Kirchenwaldstück ist das Heilighölzle. Klingen und Klammen sind Geländeeinschnitte, wobei die Zapfenklinge, die mit einem Gehölz, die Hofstätter Klamme mit einer längst verschwundenen Hofstätte in Verbindung zu bringen sein wird. Auf Pflanzenwuchs deuten Klay = Klee, Attich = Zwergholder, Milben (Melben) = Gänsefuß und Stumpen = Baumstumpen.

Schlag bezeichnet einen Waldhieb ebenso der Schlegel, der Kühstl dagegen einen Unterstand für Weidevieh. Mit Gießhübel benannte man geringe wasserarme Böden, auch der Hundstrich hat eine abwertende Bedeutung. Pfohbäumle, Haufertsäcker, Reichertsgraben und Kaisersberg stammen von Familiennamen ab. Ein Neipperger Heischbüchlein aus dem Jahre 1536 verzeichnet eine Familie Keiser als abgabepflichtig für einen Weingarten im Schlag. Der Schalkweg war der Knechtsweg. Mit Stahlbühl bezeichnete man alte Gerichtsstätten, Bolchen sind rundliche Kuppen. Der Zipfengrund dürfte auf seiner nach Nordwesten auslaufenden zipfeligen Form beruhen. Raine sind Grenzen oder Grenzfluren. Rainspiegel eine Grenzflur mit guter Ausschau. Raintal finden wir gleich zweimal, beide sind Grenzfluren, eine am Taschenwald, die zweite der langumstrittene Wald hinter der Alten Burg, früher Hinterberg oder auch Alter Burg-Wald genannt. Auch der Katzenrain ist eine solche Grenzflur.

Zum Schluß noch ein Beitrag, wie verschollene Verkehrswege wiedererstehen können:
Nur wenigen ist wohl bekannt, daß die Straße von Heilbronn über Großgartach nach Schwaigern bis 1791 nicht durch das Dorf, sondern südlich daran vorbeiführte. Dieser unbefestigte Weg stieß beim Großgartacher Freibad auf unsere Gemarkung, zog sich unterhalb des Rains durch die dortigen Krautgärtlein über die Schießmauerstraße quer zum Schalkweg und mündete an der Abzweigung zu den Riedhöfen auf die jetzige Straße nach Schwaigern. Ein Großteil des Grundes ist noch in Gemeindebesitz. Im Frühling 1967 wurde dieser alte Weg von der Schießmauer zum Freibad ausgebaut. Damit sind die beiden Nachbargemeinden durch eine zweite Straße verbunden. Unsere Dorfstraße wurde von österreichischen Besatzungssoldaten 1790/91 erbaut.

Die vorangegangene Betrachtung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, mag aber dazu beitragen, die Fluren mit neuen Augen zu sehen.

Nach durchgeführter Flurbereinigung werden manche Gewanne aus technischen Gründen Erweiterungen aber auch Verengungen hinnehmen müssen. Es wurde dabei sorgfältig darauf geachtet, daß möglichst keine Widersprüche zu den Gegebenheiten auftreten. Leider ließen sie sich nicht ganz vermeiden, ebensowenig das Verschwinden mancher vertrauter Bezeichnungen.

Unsere Fluren und ihre Namen sind ein Stück unserer Heimat. Zu ihr gehören aber auch die Tiere, die Vögel und Blumen, die Hecken und Bäume. Sorgen wir dafür, daß uns dieses schöne Fleckchen Erde immer die geliebte Heimat sein kann.
Quelle: Festschrift 1200 Jahre Schluchtern

Rechercheteam:
Fritz Ritter, Rudi Müller

Webumsetzung:
Hubert Späth

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Agenda ist ein lateinisches Wort und bedeutet "Was zu tun ist". Die Zahl 21 steht für das 21. Jahrhundert.

Der Arbeitskreis LebensRaum beschäftigt sich u.a. mit der Historie der beiden ehemaligen Orte Großgartach und Schluchtern und den Besonderheiten der heutigen Stadt Leingarten. Es ist ein natürlicher Prozess, dass das Wissen über die Vergangenheit verblasst und allmählich verschwindet. Dieses Wissen zu bewahren und zusammen mit den heutigen Merkmalen dieser Stadt jedem zugänglich zu machen, sind Teile der Aufgaben des Arbeitskreises. Daraus entstand die Idee für diese Homepage.

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