Das steinzeitliche Dorf Großgartach-Schluchtern


Ca. 5000 v. Chr.
Das „steinzeitliche Dorf Großgartach-Schluchtern“ (Schliz 1899) oder sogar die steinzeitliche Stadt Großgartach-Schluchtern.

Neolithische Kulturen in Süd- und Westdeutschland:

ca. 5800 bis 5500 v. Chr .  Frühneolithikum       La Hoguetteca  
5500 bis ca. 5300    älteste Linearbandkeramische Kultur (auch Bandkeramik genannt) 
ca. 5300 bis 5200    mittlere Linearbandkeramische Kultur
ca. 5200 bis 5000    jüngere Linearbandkeramische Kultur 
ca. 5100 bis 4900    jüngste Linearbandkeramische Kultur 
ca. 5000 bis etwa 4900 v. Chr.     Mittelneolithikum     Hinkelstein-Kultur
ca. 4900 bis etwa 4700 v. Chr.     Mittelneolithikum     Großgartacher Kultur 
4600/4550 v. Chr. Mittelneolithikum     Rössener Kultur 

In Großgartach haben wir in der Sudetenstraße Funde aus der ältesten Linearbandkeramischen Kultur.

1899 wird dem Vorsitzenden des Historischen Vereins Heilbronn Dr. Alfred Schliz ein großer durchlochter Serpentinhammer von einem Händler zum Kauf angeboten.

Der Serpentinhammer wurde beim Zichoriengraben im Gewann Stumfwörschig auf der Gemarkung Großgartach gefunden. Bei der Ortsbesichtigung fand Schliz typische Spuren, welche auf steinzeitliche Gebäude hinwiesen.

Schliz tat sich mit dem erfahrenen „Ausgräber“ Albrecht Bonnet zusammen und die nächsten 13 Jahre fanden sie auf Gemarkung Großgartach weitere steinzeitliche, keltische, römische und alemannische Siedlungen. Die erste steinzeitliche Fundstelle im Gewann Stumfwörschig zog sich weiter in die Gewanne Kirchgrund und Katzenrain auf der Gemarkung Schluchtern. Aber Schliz durfte auf der Gemarkung des badischen Schluchtern nicht graben. Ansonsten hieße die Fundstelle heute wohl „Das steinzeitliche Dorf Großgartach-Schluchtern

Grossgartacher Kultur

Großgartacher Kultur im Heimatmuseum

Doch auch in Baden wurden die Archäologen aktiv.

Dr. K. Schumacher berichtet 1900, dass er 1899 auf Gemarkung Schluchtern die Fortsetzung des steinzeitlichen Dorfes Großgartach im Gewann Kirchgrund untersuchte und bis hin zur württembergischen Landesgrenze steinzeitliche Funde ausgrub.
1927 wird im Heft 7 der Badischen Fundberichten auf Seite 196 u. 197 von steinzeitlichen Funden aus dem Jahre 1926 in Schluchtern berichtet: „Eine große Niederlassung vom Gewann Kirchgrund über Breiter Wasen bis zur Flurscheide“
Genau die Fortsetzung der schon 1899 gefundenen Siedlung Stumpfwörsching (Großgartach) und Kirchgrund (Schluchtern).
Sieht man die Funde Stumpfwörschig – Krichgrund – Breiter Wasen bis Flurscheide zusammen, so kann man der Meinung von Schliz 1904, „ich möchte bei Großgartach beinahe sagen, stadtähnliche Anlage“ sicher zustimmen. Hinzu kommen auch noch die steinzeitlichen Siedlungen südlich des Leinbachs rund um den „Kappmannsgrund“, alles in allem ist es da berechtigt von der „steinzeitlichenStadt Großgartach-Schluchtern zu sprechen.

Steinzeitfunde Karte
Steinzeitfunde in Großgartach – Schluchtern.

Im Laufe der Ausgrabungen erkannte Dr. Schliz, dass es sich bei den steinzeitlichen Funden in Großgartach um Keramik handelte, welche hier in Großgartach ihren Ursprung hatte und sich bis in den Göttinger Raum, das Nördlinger Ries, Hegau, Elsass, Pariser Becken, Ruhrgebiet, Mittel- und Unterfranken und Mitteldeutschland nach und nach verbreitete. 
Er nannte sie „Großgartacher Kultur“, ein Begriff, der in der Archäologie fest verankert ist. Dieser Zeitraum wird heute auf ca. 4900-4700 v. Chr. datiert.

Amphoren mit Kugelboden

Bild aus: Schliz, Alfred: Das steinzeitliche Dorf Großgartach, Stuttgart 1901, Seite 54,
ergänzt durch Erläuterungen der Redaktion

Natürlich gab es in Großgartach auch frühere und spätere Steinzeitfunde z. B. aus der Hinkelsteinkultur oder Rössener Kultur.

Zeitungsartikel

Dr. Eric Biermann gilt als der beste Kenner der Großgartacher Kultur

Dr. Eric Biermann: Alt- und Mittelneolithikum in Mitteleuropa
Untersuchungen zur Verbreitung verschiedener Artefakt- und Materialgruppen und zu Hinweisen auf regionale Tradierungen, Köln 2001 (mit Überarbeitungen 2003). Dieser Band umfasst 683 Seiten. Der dazugehörige Fundplatzkatalog umfasst 894 Seiten.


Keramik

„Die Leitform der Großgartacher Keramik ist das Bauchknickgefäß.
Die Verzierung ist durch Einzelstiche und Stempel, Ritzlinien und Doppelstiche geprägt.
Dreiecke, teilweise geschweift und mit offener Spitze, kommen vor allem in den frühen Phasen vor. Charakteristisch werden im Verlauf der Phasen waagerechte und girlandenartige Bänder, die zunehmend breiter werden und im späten GG zu flächigen „Teppichmustern“ zusammenwachsen“
Quelle: Biermann 2001 (mit Überarbeitungen 2003), Seite 61f.

Bauchknickgefaess der Grogartacher Kultur aus Stuttgart Muehlhausen

Bauchknickgefäß der Großgartacher Kultur aus Stuttgart-Mühlhausen;
im Landesmuseum Württemberg, Stuttgart.

Ackerbau

Erdhacke Schliz 1901 

Bild: Schliz, 1901, Tafel 4

„Betrachten wir als nächstes das mittelneolithische Nutzpflanzenspektrum. Hummel ordnete der mitteldeutschen LBK / SBK allgemein die Kulturpflanzen Emmer, Einkorn, mehrzeilige Gerste, Rispenhirse, Erbse, Linse, Lein und vielleicht Hanf zu (1968, 42).
In Nordwürttemberg war während Großgartacher Kultur Einkorn vor Emmer das wichtigste Getreide. Nackt- und Spelzgerste wurden aber ebenfalls angebaut (Piening 1979, 3). In den GG-Befunden des Rheinlandes fehlt die Gerste dagegen ganz, wie auch in der dort vorausgehenden lokalen LBK (Zimmermann 1996, 54).
Die Bevorzugung von Emmer und Einkorn verbindet die südwestdeutsche GG-Keramik mit der mitteldeutschen SBK. Die Erbse ist für GG in Weinstadt-Endersbach (Kat.Nr. 7224) nachgewiesen (Piening 1979, 3), insgesamt aber nur selten belegt.“
Gerste ist in der Großgartacher Kultur allerdings nur selten nachgewiesen.
Biermann 2001 (mit Überarbeitungen 2003), Seite 149.


Viehzucht

„Die Gewichtung von Tierhaltung und Bodenbau ist für die wirtschaftlichen Verhältnisse in unserem Arbeitsgebiet von großer Bedeutung. Sielmann zeigte in einer Untersuchung der Tierknochen aus Siedlungsgruben von Bandkeramik, RÖ und Michelsberg (für GG hatte er zu wenig Material), dass die Anteile knochenführender Gruben in der chronologischen Abfolge steigen (1971, 66, mit Abb.).
Neben der postulierbaren Zunahme der Viehzucht von Alt- bis Jungneolithikum ist auch die Zusammensetzung der Tierbestände chronologischen und regionalen Veränderungen unterworfen gewesen. Das Rind war aber insgesamt gesehen das häufigste Haustier. Den theoretisch verfügbaren und vorhandenen Haustierarten und -mengen widmet sich ein eigener Abschnitt (Abschnitt 8.3.3.1).

Zunächst betrachten wir einige generelle Tendenzen in der Haustierhaltung, […]
Die Viehhaltung wurde insgesamt bedeutsamer (Sielmann 1976, 317).
Ein Trend zur zunehmenden Schweinehaltung ist auch im Elsass vorhanden (ebd., 72). Er ist zudem in Baden-Württemberg feststellbar. Hohe Wildtieranteile kombiniert mit einer größeren Anzahl von Hausschweinknochen sind damit eine Komponente des südlichen Neolithikums, die nicht nur auf die LBK beschränkt ist (Döhle 1993, 116, 119).
Die Vorliebe für Schwein von der LBK bis zum Mittelneolithikum ist eine „regionale Eigenart (...), durchaus wohl im Range einer Haustierprovinz“, der er eine langlebige Tradition zugeschrieben wird (Lüning et al. 1997, 71).
Die wirtschaftliche Grundlage der südwestdeutschen HS-Keramik beruhte denn auch eher auf Viehzucht denn auf Ackerbau. Die Jagd ermöglichte eine weitere Ergänzung dieser Grundlage (Eisenhauer 1999, 217; Spatz 1999b, 264)455. Auch Maier-Arendt vermutet für HS eine besondere Wertschätzung der Jagd.
Biermann 2001 (mit Überarbeitungen 2003), Seite 164.


Tierbestände und Zucht

„Den Menschen des Alt- und Mittelneolithikums standen im Arbeitsgebiet grundsätzlich vier Haustierarten zur Verfügung.
Schaf und Ziege kamen in Mitteleuropa als Wildformen nicht vor. Eine Zucht war demnach nur mit den ursprünglich aus Südeuropa eingeführten Haustieren möglich.
Rind und Schwein waren dagegen auch als Wildtierarten im Arbeitsgebiet heimisch. Das in Mitteleuropa vorkommende Wildschwein scheint entsprechend bis in die Zeit der SBK immer wieder in den Hausschweinbestand eingekreuzt worden zu sein. Gleiches gilt für das Wildrind. So stellte Boessneck heraus, dass die mittelneolithischen Haustierknochengrößen „gegen eine abgeschlossene Isolierung der Haustierbestände von ihren Wildvorfahren“ sprechen (1982, 30).
Auch für die hohe Zahl der im Mittelneolithikum nachgewiesenen Hirsche wurde schon Gatterhaltung vermutet.
Biermann 2001 (mit Überarbeitungen 2003), Seite 165.


Die Haltung des Viehs

„Ein winterliche Aufstallung des Viehs wird für die LBK wegen der Annahme höherer Jahresdurchschnittstemperaturen und robuster Viehrassen allgemein verneint (Engelhardt 1997, 44; Nieszery 1995, 12 mit weiterer Literatur)1.
Eine Stallhaltung innerhalb der Häuser, zumindest der ältesten / älteren Bandkeramik, ist auch nach Phosphatanalysen sehr unwahrscheinlich (Stäuble & Lüning 1999). Insgesamt ist damit eine ganzjährige Freilandhaltung am wahrscheinlichsten. Nach Lüning et al. sind in Alt- und Mittelneolithikum zudem keine sonstigen Gebäude- oder Gebäudeteile für Viehaufstallung bekannt (1997, 87).
Für die Schweinehaltung ist jedoch zu vermuten, dass sie in der Umgebung der Siedlungen stattfand. Die Tiere sind für eine beweglich orientierte Herdenhaltung äußerst ungeeignet.

1Auch heute werden Rinder wieder, z.B. in Mecklenburg-Vorommern, in ganzjähriger Freilandherdenhaltung gezüchtet.
Biermann 2001 (mit Überarbeitungen 2003), Seite 168f.


Faser- und Gewebeproduktion

Spinnwirtel Schliz 1901 

Bild: Schliz, 1901, Tafel 6

„Spinnwirtel, Tonrondelle und Webgewichte sind Anzeiger für die Verarbeitung von pflanzlichen oder tierischen Fasern zu Fäden und Stoffen.
Ob die seit der Bandkeramik vorkommenden Wirtel und Webgewichte ein Hinweis auf Wollschafnutzung sind, bleibt aus diesem Grunde umstritten. Die Artefakte könnten auch in der Flachsverarbeitung zur Fadenherstellung genutzt worden sein.
Die Funde werden an dieser Stelle trotzdem unter dem Oberbegriff Viehzucht behandelt, da einige Indizien für die Verarbeitung tierischer Wolle sprechen.
Spinnwirtel, Tonrondelle und Webgewichte dokumentieren insgesamt einen Herstellungsprozess, dessen lokale und chronologische Häufigkeit in Folge im Zusammenhang mit den einzelnen Stilen untersucht werden soll.“
Biermann 2001 (mit Überarbeitungen 2003), Seite 177f.


Bevölkerungszahl

„Modellrechnung für die Bevölkerungszahlen der Großgartacher Stilphasen.
In der Phase III Der Großgartacher Kultur könnten bis zu ca. 192 000 Menschen im Verbreitungsgebiet gelebt haben.“
Biermann 2001 (mit Überarbeitungen 2003), Seite 223.


Hausbau

Wandverputz Schliz 1901 

Wandverputz - Bild: Schliz, 1901, Tafel 4

„Das Haus ist der soziale Angelpunkt einer Gemeinschaft. Seine Errichtung, Erhaltung und Bewirtschaftung erforderte die Zusammenarbeit einer Familie oder eines größeren Sozialverbandes.
Die Formen und Größen vorgeschichtlicher Hausbauten können stark variieren und spiegeln dabei auch die dahinter stehenden Sozialstrukturen wieder.
Die Ausrichtung der Hausbauten ist in den alt- und mittelneolithischen Siedlungen regional meist recht einheitlich, oft handelt es sich um Nordwest – Südost-Achsen.
Auf das gesamte Arbeitsgebiet bezogen hat dies aber keine generelle Gültigkeit. Die interregional verschiedenen Ausrichtungen alt und mittelneolithischer Häuser wurden dabei immer wieder mit der Hauptwindrichtung in Verbindung gebracht (z.B. Kaufmann 1976a, 47 mit Abb. 10), was auch die relative Häufigkeit nördlicher und westlicher Orientierungen erklären könnte. Dabei sind die Hausorientierungen im Mittelneolithikum generell nicht anders als im Altneolithikum (Hampel 1989, Abb. 65; Mattheußer 1991).
Neben den Häusern wurden während der LBK regelhaft Lehmentnahmegruben angelegt, die aller Wahrscheinlichkeit zur Gewinnung des Wandbewurfes dienten.
Im Mittelneolithikum dominierten dagegen abgelegenere große Gruben, die eventuell Material für mehrere Häuser lieferten. Dem „Hüttenlehm“ für den Wandbewurf wurden oft organische Bestandteile, z.B. Stroh, beigemischt (Lüning 1988e).
Die Wände scheinen auch mit einer Tünche oder Bemalung versehen worden zu sein (bemalter Hüttenlehm der LBK: Balgstädt (Kat.Nr. 440): Bahn 1997, 223, Abb. 11/13). Ob dies regelhaft geschah ist allerdings nicht bekannt. Der Aufbau des Daches ist weder für das Alt- noch das Mittelneolithikum nicht abschließend geklärt. Die prinzipielle Möglichkeit einer Strohdeckung bandkeramischer Häuser behandelte Reynolds (1993).
Ein rechteckiger Hausgrundriss ist generell typisch für die LBK (siehe z.B. Buttler & Haberey 1936, Tafeln). Eine Tendenz zu mehr trapezoiden Häusern mit ausbauchenden Seitenwänden, d.h. eine „ schiffsförmige“ Bauweise, wie wir sie aus dem Mittelneolithikum kennen (s.u.), setzt in der späten LBK ein (Abb. 41; LBK / SBK Beispiele u.a. bei Lönne 2003, 43, Anm. 244, mit weiterer Literatur). Zudem treten nun auch Außenpfosten mit einem gewissen Abstand zu den Außenwänden auf, die wahrscheinlich den seitlichen Dachüberstand stützen sollten (Dohrn-Ihmig 1983d, 23).
Auf die zunächst in der Forschung vertretene Auffassung, dass die neolithischen Siedlungen aus eckigen oder runden „Grubenhütten“ bestanden haben (z.B. Schliz 1900a; Koehl 1912a, 59-60), sei hier nur verwiesen, ohne näher darauf einzugehen.
Biermann 2001 (mit Überarbeitungen 2003), Seite 203ff.

 

Bevölkerung Krankheiten und medizinische Versorgung

„Die physische Anthropologie ist allerdings in der Lage, andere für die Vorgeschichtsforschung wichtige Details zu liefern.

Sie kann uns Aussagen über die Lebenserwartung, die Krankheiten und Verletzungen, die Körperhöhen und damit teilweise kombinierbare Unterschiede zwischen den Geschlechts- und Altersklassen liefern (z.B. Bruchhaus et al. 2000, bes. 163, 174-175).

An den Knochen feststellbare pathologische Veränderungen können beispielsweise dauerhafte körperliche Belastungen prähistorischer Menschen belegen. So u.a. der „Mahlsteinrücken“ vieler Frauen und der „Tennisarm“ vieler Männer (siehe z.B. Teegen et al. 1990, 118; Wahl 1985a, 294-295).“

Biermann 2001 (mit Überarbeitungen 2003), Seite 211.


Lebenserwartung

„Die Alters- und Geschlechtsbestimmung an Skelettresten ist nicht ganz unproblematisch (Gerhardt 1985, 75 ff., 110 ff.). Verschiedene Autoren bieten dennoch entsprechende Auswertungen an.

Betrachtet man das durchschnittliche Sterbealter von Männern und Frauen, welche die Kinderjahre überlebten, so liegt es dort bei ca. 42, bzw. 31 Jahren (1978a).
Das allgemein durchschnittlich 7 – 11 Jahre niedrigere mittlere Sterbealter der Frauen in der Bandkeramik wird auf frühe und zahlreiche Schwangerschaften zurückgeführt (Nieszery 1995, 97 mit Abb. 51 zum mittlerem Sterbealter auf vier LBK-Gräberfeldern).
In Ausnahmefällen wurden aber auch während der LBK Menschen wesentlich älter, wie z.B. ein Mann aus Göttingen-Grone (Kat.Nr. 2318), der etwa 51 Jahre, und eine Frau vom gleichen Fundplatz, die sogar ca. 72 Jahre alt geworden sein soll (Arndt 1998, 18, 19).
Männer im Alter von 20 Jahren konnten im Mittel mit einem Sterbealter von 44 Jahren rechnen, Frauen erreichten ein durchschnittliches Lebensalter von 36 Jahren. Etwa 3 % der Individuen erreichten aber auch ein Alter von 70 oder mehr Jahren (Jacobshagen 1991 in: Spatz 1991b, 39). Insgesamt gelten also für die angeführten alt- und mittelneolithischen Beispiele gleiche Tendenzen.
Männer wurden durchschnittlich selten älter als 40 – 45 Jahre, Frauen erreichten im Durchschnitt sogar ein noch geringeres Alter, welches bis zu ca. 10 Jahre unter dem der Männer liegen konnte. Hinzu kommt eine potentiell erhebliche Kindersterblichkeit (vgl. Abschnitt 12.7.8), so dass die generelle durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt noch wesentlich tiefer lag. Einzelne Personen konnten aber ein wesentlich höheres Alter erreichen als der Bevölkerungsdurchschnitt.“
Biermann 2001 (mit Überarbeitungen 2003), Seite 211f.


Krankheiten und Behandlungen

„An den Knochen des Skelettmaterials feststellbare Veränderungen bieten einen weiteren Aspekt der vorgeschichtlichen Bevölkerungsgesundheit.
Alt- und mittelneolithische Bevölkerungen zeigen insgesamt ähnliche Krankheitsbilder und Verletzungen. Bedeutend sind vor allem Mangelerscheinungen, die teilweise seit dem Kindesalter auftraten und gelegentlich sogar zum Tode führten. Daneben zeigen Frakturen und teilweise verheilte Operationswunden, dass medizinische Kenntnisse bis hin zur Chirurgie vorhanden gewesen sein müssen. Die Behandlungsergebnisse waren allerdings unterschiedlich erfolgreich.
Zumindest den Trägern der LBK und der GG-Keramik waren schon komplizierte medizinische Eingriffe bekannt.  Dies lässt den Schluss zu, dass auch eine einfache „Hausmedizin“ und Verfahren zur Wundversorgung zur Verfügung standen.
Einzelheiten über Heilverfahren und vermutlich damit verbundener Rituale sind unbekannt. Ob auch Apothekerkenntnisse vorhanden waren, lässt sich aufgrund potentieller Heilpflanzen in Siedlungsgruben nur vermuten, aber nicht mit Sicherheit nachweisen.  
Biermann 2001 (mit Überarbeitungen 2003), Seite 213f.


Klimatische Bedingungen

„[...], dass der hier interessierende Zeitraum der Bandkeramik in einem klimatisch besonders günstigen Abschnitt des lag. Er gehört innerhalb der postglazialen Wärmezeit in den älteren Teil der Mittleren Wärmezeit (Atlantikum).
Die Sommertemperaturen waren um etwa 2-3° höher als heute. Für die Wintertemperaturen sind ebenfalls günstigere Werte anzunehmen, die gegenüber heute mindestens um 0,5-1,0° höher gewesen sein dürften. [...]
Insgesamt zeichnet es sich ab, dass es sich um ein mildes, ozeanisch getöntes Klima gehandelt hat“ (Willerding,1983, 187).
In der Spätphase der Linearbandkeramik und mit Beginn des Mittelneolithikums ereigneten sich wahrscheinlich kurzfristige Klimaschwankungen (Helle & Schleser 1998, 276-277), doch zur Zeit der Großgartacher Keramik soll man insgesamt wieder ähnliche Umwelt- und Lebensbedingungen wie in der Linearbandkeramik annehmen können (Herrmann & Jockenhövel 1990, 145)“.
Biermann 2001 (mit Überarbeitungen 2003), Seite 142.

Klimatabelle

Abb. 1.: Entwicklung der global und jahreszeitlich gemittelten, bodennahen Lufttemperatur der Erde seit dem Ende der letzten Eiszeit. Quelle: Fritz Vahrenholt, Sebastian Lüning: „Die Kalte Sonne“, ISBN 978-3-455-50250-3, nach Kehl, H. (2008) „Das zyklische Auftreten von Optima und Pessima im Holozän“.


Weinerzeugung vor 7.000 Jahren?

neolithisches Fass 

Bild: Schliz in: Sonderdruck aus Band XXXIII Der dritten Folge Band III Der „Mitteilungen der anthropologischen Gesellschaft in Wien

1903 vermutet Schliz, dass das große neolithische Fass von Großgartach zur Weinbevorratung gedient hatte. Die damaligen klimatischen Verhältnisse boten die Möglichkeiten dazu.


Weitere steinzeitliche Fundstellen in Großgartach:

  • Stumpfwörschig oder Stumpfwörsching
  • Srumpfwörschig III
  • Kappmannsgrund I
  • Kappmannsgrund: Eldoradostr., Sudetenstr., Hafnerstr.
  • Kappmannsgrund III
  • Mühlpfad I
  • Mühlpfad II
  • Wasen III      weitere Infos zur Fundstelle Wasen
  • Schillerstraße
  • Schweifelgraben
  • Anwande
  • Augelbaum
  • Böckinger Weg
  • Brämich -Bremich – Brömig
  • Galgenhöhe
  • Hahnenbrunnen / Hahnenbrunn
  • Hardthöhe
  • Heilbronner Bild
  • Heuchelberg
  • Hippberg
  • Hipperich
  • Klingelbrunnen
  • Litzelfeld / Lizelfeld / Lützelfeld
  • Musterplatz
  • Osterlachen
  • Sülzen
  • Wetterloch / Wettersloch

1927 wird im Heft 7 der Badischen Fundberichten auf Seite 196 u. 197 von steinzeitlichen Funden aus dem Jahre 1926 in Schluchtern berichtet:

  • Eine große Niederlassung vom Gewann Kirchgrund über Breiter Wasen bis zur Flurscheide
  • Flur Rot
  • Flur Würfeläcker
  • Flur Batzenklingendeich
  • Flur Katzenrain
  • Flur Heiligen Hölzle
  • Flur Röte
  • Polchen

Weitere Funde

  • Eppinger Str. – Hölderlinstzraße
  • Ob dem Schwaigerner Weg


Literatur:

Eric Biermann: Alt- und Mittelneolithikum in Mitteleuropa.
Untersuchungen zur Verbreitung verschiedener Artefakt- und Materialgruppen und zu Hinweisen auf regionale Tradierungen, Köln 2001 (mit Überarbeitungen 2003).
Alfred Schliz: Das steinzeitliche Dorf von Großgartach. Seine Kultur und die spätere vorgeschichtliche Besiedlung der Gegend. Enke, Stuttgart 1901.
Alfred Schliz: Der Bau vorgeschichtlicher Wohnanlagen. Vortrag in der anthropologischen Sektion der 74. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Karlsbad. Wien 1903. Im Selbstverlage der anthropologischen Gesellschaft.
Badische Fundberichte. Jahresbericht für 1926.Heft 7. März 1927.
Wagner, Ernst; Haug, Ferdinand [Hrsg.]: Fundstätten und Funde aus vorgeschichtlicher, römischer und alamannisch-fränkischer Zeit im Großherzogtum Baden (Band2): Das badische Unterland: Kreis Baden, Karlsruhe, Mannheim, Heidelberg, Mosbach, Tübingen 1911.
Barbara Dammers: Die Keramik der Rössener Kultur in Rheinhesseb. Inauguraldissertation. Leipzig 2005.
H. Spatz: Beiträge zum Kulturenkomplex Hinkelstein-Großgartach-Rössen: Der keramische Fundstoff des Mittelneolithikums aus dem mittleren Neckarland und seine zeitliche Gliederung. Materialheft Baden-Württemberg 37, Stuttgart 1996.

Drucken

Lokale Agenda 21

Arbeitskreis LebensRaum
Eine Initiative für die Stadt Leingarten


Agenda ist ein lateinisches Wort und bedeutet "Was zu tun ist". Die Zahl 21 steht für das 21. Jahrhundert.

Der Arbeitskreis LebensRaum beschäftigt sich u.a. mit der Historie der beiden ehemaligen Orte Großgartach und Schluchtern und den Besonderheiten der heutigen Stadt Leingarten. Es ist ein natürlicher Prozess, dass das Wissen über die Vergangenheit verblasst und allmählich verschwindet. Dieses Wissen zu bewahren und zusammen mit den heutigen Merkmalen dieser Stadt jedem zugänglich zu machen, sind Teile der Aufgaben des Arbeitskreises. Daraus entstand die Idee für diese Homepage.

Kontakt: E-Mail

andere über uns

Impressum

Datenschutzerklärung

Ihre Mitarbeit ist gefragt

"Aus erlebter Vergangenheit beginnt Geschichte zu werden" 
Roman Herzog

Leingarten hat eine Jahrtausend lange Geschichte, die wir mit der Lokalen Agenda 21 aufbereiten und der Bevölkerung digital zugänglich machen wollen.

Erlebte Vergangenheit hat jeder Bürger der Stadt Leingarten. Viele wissen etwas zu erzählen, was in der Vergangenheit so war - und wir müssen aufpassen, dass dieses Wissen nicht verschwindet.

Deshalb - wenn Sie historische Bilder, Geschichten oder Unterlagen von den beiden ehemaligen Dörfern Großgartach und Schluchtern haben, wären wir dankbar, davon eine digitale Kopie anfertigen zu können.

Kontakt: E-Mail

Museum "Altes Rathaus"

des Heimatvereins Leingarten



Sind Sie an der Geschichte von Leingarten und an Ausstellungen zu verschiedenen Themen interessiert?
Dann besuchen Sie doch einmal das Museum im Alten Rathaus, das im Jahre 2020 einen Erweiterungsbau bekommen hat.
Infos: Homepage Heimatverein Leingarten