Historische Ereignisse

Mißwachs und Teuerung

In den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts hat es auch' in unserer Gemeinde mehrere Hungerjahre gegeben. Ausgelöst wurde diese Hungerperiode durch Mißwachs viele Jahre hintereinander. Nasse, kalte Sommer ließen das Getreide auf den Feldern verfaulen. Sieben Jahre gab es damals keinen Wein. Wie die Alten erzählten, hat es so geregnet, dass man beim Binden der Rebschößlinge Bretter auf den Boden der Weinberge legen musste, damit man im Dreck nicht versunken ist. Einmal hat es geschneit, da war der Hafer noch nicht geerntet.

Bei der Ernte mussten vor Kälte Handschuhe getragen werden. Hunger und Elend waren groß. Bei den Bauern mag diese Not noch einigermaßen erträglich gewesen sein, obwohl auch sie zum Teil schwere Einbußen erlitten. Mancher hat da für einen Laib Brot oder einen Stumpen Kartoffeln ein Stück Land verkauft. Beim Stecken der Kartoffeln im Frühjahr wurden die Augen an denselben ausgeschnitten und in den Boden gelegt, damit das übrige von der Kartoffel gegessen werden konnte.

In einem anderen Jahr hat es von März bis Juli nicht mehr geregnet. Gras und Klee sind verdorrt und die Ernte ist notreif geworden. Um das Vieh nicht verhungern zu lassen, blieb den Bauern nichts anderes übrig, als bei Nacht Waldgras in großen Tüchern zu holen.

Am schlimmsten aber waren die Taglöhner und die Häusler dran, weil ihnen das eine oder die zwei Äckerlein sowieso nicht das Brot für das ganze Jahr gaben. Ein Laib Brot hat damals einen Gulden gekostet. Ein Gulden waren 60 Kreuzer. Und ein Taglöhner hat einen Lohn von 6 Kreuzern im Tag gehabt; er musste also 10 Tage arbeiten für einen Laib Brot. War es ein Wunder, wenn diese Leute zur Selbsthilfe gegriffen haben und Essbares holten, wo sie es fanden? Die eingegrabenen Angersen waren von den Ärmsten geholt worden, so dass die Bauern im Frühjahr ihre Rübengruben leer vorfanden.

Herzog Ulrich von Württemberg und die Verbindung zu Großgartach – die Schlacht bei Lauffen

Vorbemerkungen: Bis Mitte des 14. Jahrhunderts wurde Württemberg in Urkunden als „Wirtenberg“ geschrieben. Unter Rücksichtnahme auf die württembergischen  französisch-sprachigen Gebiete im Südwesten wurde der Name geändert, da in der französischen Sprache vor einem „b“ nur ein „m“ stehen kann.

Der württembergische Landgraben zur nördlichen Absicherung der damaligen Grafschaft  Württemberg  wurde  1456 östlich des Neckars unter „Graf Ulrich, der Vielgeliebte“ von Lauffen über Wildeck nach Bräunersberg errichtet und ab  1482/1483  westlich des Neckars von Lauffen bis zur  Heuchelberger Warte unter „Eberhard V. im Bart“. Eine Verlängerung bis Sternenfels konnte nicht realisiert werden. Landturmbacken und Lauffen waren Zollstation.

Herzog  Ulrich wurde am 8. Februar 1487 im Schloss Reichenweiher (Riquewihr) im Elsaß geboren und mit den Namen Eitel Heinrich getauft. Die Eltern waren Gräfin Elisabeth von Zweibrücken-Bitsch, die 10 Tage nach der Geburt starb und  Graf Heinrich von Württemberg.

Im Alter von 6 Jahren fand 1493 die Firmung statt und Eitel Heinrich erhielt den neuen Namen Ulrich.

Als Ulrich 11 Jahre alt war, wurde sein Onkel, der regierende Herzog von Württemberg, Herzog Eberhard II, auf Betreiben des deutschen Königs Maximilian I. abgesetzt und er als dritter Herzog von Württemberg eingesetzt. Sein Vormund waren der Landhofmeister Graf Wolfgang von Fürstenberg und der Regentschaftsrat.

König Maximilian I (1459 – 1519) versuchte den jungen Herzog an sich zu binden, indem er ihn beim Freiburger Reichstag am 23. Juli 1498 mit seiner 6-jährigen Nichte, der bayerischen Herzogstochter Sabina verlobte.  

Im Sommer 1503 wurde der 16-jährige Herzog Ulrich von König Maximilian I für volljährig erklärt und beteiligte sich im Folgejahr im Landshuter Erbfolgekrieg gegen die Pfalz an der Seite seines künftigen Schwiegervaters, Herzog Abrecht IV von Bayern. Vom 23.-24.9.1504 nächtigte er erstmals in Großgartach. Durch diesen Krieg fielen das Kloster Maulbronn, die Städte Besigheim, Möckmühl, Neuenstadt und Weinsberg, viele Dörfer und die Grafschaft Löwenstein an Württemberg. Herzog Albrecht IV. von Bayern schenkte ihm als Dank die bayerische Herrschaft Heidenheim.

Die linksrheinische Grafschaft Mömpelgard, das heutige Montbéliard an der Burgundischen Pforte, gehörte seit 1407 durch Einheirat schon früher zum Herzogtum Württemberg. Graf Eberhard IV „der Jüngere“,  heiratete die Erbprinzessin Henriette von Mömpelgard. Diese Grafschaft wurde ja später zum Schlüsselpunkt der württembergischen Geschichte. Herzog Ulrich erweiterte auch dort das Land, indem er 1506/1507 die Rechte an Blamont, Châtelot, Clémont und Héricourt vom Hause Neuchâtel erwarb. Allerdings kamen sie erst 1561 endgültig zum Hause Württemberg.

Am 2. März 1511 fanden in Stuttgart die Hochzeitsfeierlichkeiten von Herzog Ulrich mit Sabina von Bayern statt. Es war mit 7000 Gästen und zwei Wochen Dauer ein Fest der absoluten Superlative – es soll aber keine Liebesheirat gewesen sein.

1508 wurde König Maximilian I. in Trient zum Kaiser Maximilian I. ausgerufen. Die anfängliche Hoffnung auf gute Zusammenarbeit mit Herzog Ulrich erwies sich als trügerisch. Schon 1512 trat Herzog Ulrich nicht mehr der 4. Erinnerungsperiode des Schwäbischen Bundes bei und gründete einen „Kontrabund“. Herzog Ulrichs Verschwendungssucht, Schuldenlasten und ein Staatsdefizit von 70 % im Jahre 1514 führten zur weiteren Erhöhung der Verbrauchsteuern. Die Maße und Gewichte wurden verringert und eine Art Vermögensteuer sollte eingeführt werden. Unruhen und Aufstände (Aufstand des „Armen Konrad“, „Gaißpeter“ aus Beutelspach) waren die Folge. Im Tübinger Vertrag vom 5. Juli 1514 mußte Herzog Ulrich auf einen Teil seiner Souveränität verzichten. Den  Landständen wurde ein Mitspracherecht bei der Regierung eingeräumt.  Ohne ihre Zustimmung durfte kein württembergischer Landesherr mehr Krieg führen oder Steuern erheben. Dafür übernahmen sie 800.000 Gulden der 920.000 Gulden Schuldenlast.

Der tödliche Ausgang einer Eifersuchtsaffäre mit seinem Rittmeister Hans von Hutten, Ehestreitigkeiten und Flucht seiner Frau mit Wissen von Kaiser Maximilian I. nach München, führten  am 11. Oktober 1516 zur Verhängung der Reichsacht, die er geschickt zu umgehen versuchte. Herzog Ulrich ging mit bitterer Härte gegen die innenpolitischen Gegner, die Landstände vor und gab 1518 den Befehl, die kaiserlichen Erblande anzugreifen. Herzog Ulrich nutzte das durch den Tod Kaiser Maximilian I. entstandene Machtvakuum. Höhepunkt war der Überfall auf die Reichsstadt Reutlingen 1519 unter Mißachtung des Tübinger Vertrages.  

Diese gewaltigen Rechtsbrüche bewegten den Schwäbischen Bund unter Herzog Wilhelm von Bayern, dem Schwager Herzog Ulrichs, Truppen zu rekrutieren und besetzten bis Ende Mai 1519 ganz Württemberg. Gegen Erstattung eines Teils der Kriegskosten in Höhe von 220.000 Gulden trat der schwäbische Bund das Herzogtum Württemberg an Kaiser Karl V.  ab,  der  1522 seinen jüngeren Bruder, Erzherzog Ferdinand von Österreich zum Gouverneur der Herzogtums bestimmte. Damit war ganz Württemberg einschließlich der elsässischen Besitztümer 14 Jahre von 1520 – 1534 zum habsburgischen Territorium geworden. Kaiser Karl V. verhängte die Reichsacht über Herzog Ulrich.

Herzog Ulrich unternahm mehrere erfolglose Versuche, u.a. im Rahmen des Bauernkrieges 1525 sein Land zurückzuerobern. Er musste fliehen: zunächst in die Pfalz, nach Solothurn, auf die Festung Hohentwiel und schließlich nach Mömpelgard. In der Grafschaft Mömpelgard war ihm ein besonderes Reichslehen geblieben. Aufgrund seiner engen Beziehungen zur Schweiz verliehen ihm die Städte Basel und Luzern das Bürgerrecht. In Basel wurde er mit der Lehre Martin Luthers konfrontiert und war davon sehr angetan. Die Prediger Geiling und Faral folgten ihm nach Mömpelgard. 1524 fand die erste „antipapistische“ Predigt auf dem Fischstein auf dem Marktplatz von Mömpelgard auf württembergischem Territorium statt. Im selben Jahr besuchte Herzog Ulrich den Reformator Zwingli in Zürich.

In einem Vertrag vom 29. März 1521 verpflichtete sich Herzog Ulrich, der auch gute Verbindungen zum französischen Königshaus König Franz I hatte, an der Seite Frankreichs gegen jeden Feind zu ziehen. Das missfiel natürlich Kaiser Karl V., worauf er erneut die Reichsacht gegen Herzog Ulrich verhängte. In Mömpelgard wurde es für den Herzog dadurch zunehmend unsicher. Er fand 1527 Zuflucht beim hessischen Landgrafen Philipp I. Der Landgraf saß beim Reichstag in Worms 1521 dem Kaiser gegenüber, als Martin Luther seine Lehre bekannte. Als großer Anhänger der „neuen Lehre“ führte er 1526 die Reformation in Hessen ein. Herzog Ulrich war 8 Jahre in Hessen, erlebte die Durchführung der Reformation, 1527 die Gründung der protestantischen Universität Marburg und 1529 die Zusammenkunft der wichtigsten Reformatoren im Marburger Schloss.

Inzwischen wurde Erzherzog Ferdinand von Österreich im Laufe des Jahres 1527 sowohl zum Kaiser von Böhmen als auch zum Kaiser von Ungarn gekrönt. Diesen Machtzuwachs sahen manche Reichsfürsten kritisch. Es entwickelte sich eine Entfremdung der Häuser Habsburg und Wittelsbach. Es gab Überlegungen, auf diplomatischem Wege den Sohn Herzog Ulrichs, Christoph im Hause Württemberg einzusetzen.

Philipp von Hessen und Graf Ulrich dagegen suchten eine militärische Lösung. Der Schwerpunkt der Politik von Kaiser Karl V. lag in Spanien und die Politik von Erzherzog Ferdinand von Österreich war im eigenen Land gebunden. Die Türken standen vor Wien und Württemberg war politische Nebensache.

Am 1. März 1534 verkaufte Landgraf Philipp von Hessen mit Vollmacht von Herzog Ulrich in Bar-le-Duc die Grafschaft Mömpelgard mit der Option des Rückkaufs innerhalb eines Jahres an den französischen König Franz I. für 50.000 Kronen neben 25.000 Kronen für Philipp von Hessen.  Philipp von Hessen ließ sich Unterstützung durch die Städte Straßburg, Esslingen und Heilbronn zusichern.

Mit diesem Kaufpreis erwarb Herzog Ulrich zahlreiche Söldnertruppen. Am 10. Mai. formierten sich die hessischen Truppen von Landgraf Philip und Herzog Ulrich und zogen durch den Odenwald, Neckarsulm und Neckargartach an die Nordgrenze von Württemberg. Der Kurfürst der Pfalz hatte den einfacheren Weg über die Bergstraße verweigert. Die Großgartacher Flurnamen Vorderes und Hinteres Hessenfeld, Lanzenäcker und das nicht mehr existierende Hessenbrünnele erinnern an diesen Truppenaufmarsch.

Am 12. Mai betrat Herzog Ulrich von Württemberg nach 24 Jahren wieder sein Herzogtum in Großgartach.  Er kam mit dem Landgrafen Philipp von Hessen an der Spitze eines Heeres und übernachtete  in Großgartach.  Das Rathaus diente bei der Schlacht von Lauffen als Hauptquartier. „Noch am 12. Mai traf die Spitze der hessischen Reiterei bei dem Landturm zwischen Großgartach und Nordheim mit einer Abteilung des Feindes (die Kaiserlichen) zusammen, sodaß sich ein Gefecht entwickelte. So war Großgartach der erste württembergische Ort, welchen Ulrich von seinem Herzogtum wieder eroberte und dessen Hauptquartier bei der Schlacht von Lauffen hier war“.

Die Schlacht bei Lauffen begann am 13. Mai mit einem Beschuß der österreichischen Stellungen durch die hessischen Verbundtruppen. 20.000 Soldaten und 5.000 Reiter auf hessischer Seite standen 10.000 österreichischen Soldaten und 500 Reitern gegenüber. Das größte Geschütz war die „Murfel“, die etwa 3 Tonnen wog und von 14 Pferden gezogen werden musste. Das Geschoß, eine Steinkugel, wog 160 Pfund, also 80 kg. Die Kampfmoral der Österreicher soll „schwach“ gewesen sein und man habe den „süffigen Lauffener Wein“ sehr geschätzt. Zu einer großen Schlacht kam es nicht, sondern nur zu einzelnen „Scharmützeln“. Die Österreicher zogen sich rasch zurück und verloren mit dem Lager einen Großteil der Munition. 2.000 Soldaten sollen dennoch auf österreichischer Seite gefallen sein.

Herzog Ulrich zog mit seinen Truppen rasch weiter nach Süden, stellte die vorherigen Herrschaftsverhältnisse wieder her und führte entschlossen und mit Nachdruck die Reformation ein. Bereits am 16. Mai fand in der Stuttgarter Stiftskirche der erste evangelische Gottesdienst statt.

Am 26. April zahlte er dem französischen König die Kaufsumme für Mömpelgard zurück. Die Grafschaft Mömpelgard war wieder württembergisch und blieb es bis zur französischen Revolution. Mömpelgard kommt hier in der württembergischen Geschichte eine Schlüsselstellung zu, denn es ist zweifelhaft, ob Herzog Ulrich ohne die französische Unterstützung der Söldnertruppen Württemberg hätte zurückerobern können.

Erzherzog Ferdinand von Österreich gab das Land im Vertrag von Kaaden vom 29. Juni 1534 an Herzog Ulrich zurück, allerdings nicht mehr als Lehensträger des Reichs, sondern als  österreichisches Lehen.

Quellenangaben und weiterführende Literatur:

  • Harald Schuhkraft: Kleine Geschichte des Hauses Württemberg, Silberburg Verlag
  • Schriftenreihe des Heimatvereins „Unterm Heuchelberg“ Nr. 34/1980 und Nr. 58/1984 von Otto Bögel
  • Heimatbuch Leingarten, Seiten 52-57
  • Fachzeitschrift „Schönes Schwaben“ 11/1997: 600 Jahre Württemberg-Mömpelgard
  • Wikipedia:
    Ulrich (Württemberg)
    Schwäbischer Bund
    Schlacht bei Lauffen
    Württembergischer Landgraben
    Armer Konrad
    Weinsberger Bluttat
    Landgraf Philipp von Hessen
    Eberhard IV „der Jüngere“
    Grafschaft Mömpelgard

Recherche und Zusammenfassung: Dr. med. Werner Eckstein, Leingarten

Schwere Unwetter im 19. Jahrhundert

1882 war ungeheurer Schaden durch Hagelschlag auf den Feldern entstanden. Das schwere Gewitter wurde eingeleitet durch gewaltige Sturmböen. Es war gerade Zeit der Ernte. Riesige gelbfahlige Wolkenmassen brauten sich am Himmel im Westen zusammen. Es wurde fast Nacht. Schweres Donnergrollen, kein Lüftchen kühlte die nachmittägliche Hitze, kündete ein schweres Wetter an. Plötzlich setzte der Sturm ein und jagte die gebundenen Garben haushoch in die Luft. Das ausgebreitete Getreide wurde stellenweise eine Ackerlänge und noch weiter fortgeweht. Faustgroße zackige Hagelkörner prasselten hernieder. Doch zum Glück setzte über dem Dorf alsbald starker Regen ein, so dass der Hagel an den Dächern keinen größeren Schaden anrichtete. Ein Wolkenbruch ging hernieder. Meterhohe Wassermassen wälzten sich in den Talsohlen entlang; Getreide, Äste und Kartoffelstauden mit sich führend. Auf den Feldern sah es verheerend aus. Vor allem auf der Gemarkung nördlich des Dorfes wurden durch das Unwetter schwere Verwüstungen angerichtet. Südlich des Dorfes war der Schaden nicht so groß.;

Das größte Unwetter aber entlud sich über dem Dorf 1807. Den ganzen Tag war eine Schwüle in der Luft, die kaum zu ertragen war. Das Vieh wurde an diesem Tag von den Bremsen fast gefressen. Kein Hauch regte sich. Die Menschen schlichen matt und müde durch den Tag. In der Nacht brachen dann mit elementarer Gewalt die Gewitter los.

Gewaltige Sturmböen entwurzelten Bäume und deckten Dächer ab. Der nächtliche Gewitterhimmel tat sich über den entblößten Sparren und Latten auf. Von der Bodenstiege herab ergossen sich ganze Sturzbäche. Im Rotfeld wurde eine ganze Allee sogenannter Katzenkopf-Birnbäume entwurzelt, deren Stämme zwei Mann mit den Armen kaum umfassen konnten. Die Alten erzählten, im Erdinnern habe es gegrollt, als ob die Erde sich auftun würde. Die Sturmglocken läuteten, doch menschliche Hilfe gab es gegen dieses Unwetter nicht. Die Leute beteten und glaubten, der Jüngste Tag sei angebrochen. Fast die ganze Nacht hauste das Unwetter. Was der Sturm nicht zerstörte, haben die Hagelkörner vernichtet.

Die Straßen waren anderntags dicht besät mit Glasscherben, Ziegelbrocken und zum Teil sogar Dachsparren und Latten. Vor allem hat es wieder den nördlichen Teil der Felder getroffen. In den Senken lag der Schlamm oft meterhoch auf den Feldfrüchten, die total zerstört waren. Ein Glück, dass die meisten Bauern damals schon ihr Getreide gegen Hagelschlag versichert hatten. Doch auch so war der Schaden noch groß genug. Tagelang saßen oder standen die Menschen apathisch und zerschlagen herum, ohne Hand anzulegen oder aufzuräumen, so hatte sie das Unglück erschüttert. Im Höhle wurde von der äußeren Linde ein Ast, so groß wie ein Baum abgerissen und in den Weg geschleudert, Viel totes Wild lag auf den verwüsteten Feldern. Ein Bild des Grauens bot sich dem Beschauer. Drei Nächte hintereinander hat es gehaust.

Nach einigen Tagen ging man daran, die Straßen aufzuräumen und die Dächer notdürftig mit Brettern und Tüchern abzudecken. Ziegel waren durch die Unwetter in der ganzen Gegend zur Mangelware geworden. Von weither mussten sie später per Bahn geholt werden.

Not ist nach solchen Unwettern meistens die Folge gewesen. Staatliche Hilfe war seinerzeit kaum zu erwarten. Vor allem 1882, wo es noch keine Hagelversicherung gab, war auch bei den Bauern hier Schmalhans Küchenmeister. Es gab magere Feste bei der Konfirmation und Kommunion. Auch die Osterbrezeln sind ausgefallen, da das Weißmehl ausgegangen war.

Hungerjahre 1816/17

In den Hungerjahren, die sich in Schluchtern ganz besonders schlimm ausgewirkt haben, brauchte die Kelter mehrere Jahre nicht ausgeräumt werden. Mit anderen Worten, hat es damals keinen Wein gegeben, da es fast den ganzen Sommer über geregnet hatte. Hier kann man den Bauernspruch verstehen: „Ein trockener Jahrgang verdirbt keinen Bauer, aber ein nasser."
Das schlechte Wetter dieser Jahre hintereinander hat eigentlich die Hungerkatastrophe ausgelöst.

Der Erntebeginn war auch später in jener Zeit, da man noch nicht das heute früher reifende Getreide kannte. Der Hafer ist oft nicht reif geworden. Es soll sogar vorgekommen sein, dass Schnee auf dem Hafer lag, als man ihn einfahren wollte. Den letzten Erntewagen, der eingefahren wurde, schmückte man mit einem grünen Wedel, zum Zeichen, dass die Ernte unter Dach und Fach gebracht war.

Der Zehnte

Hinter dem heutigen evangelischen Pfarrhaus soll die frühere Zehntscheune gestanden haben. Wie überall zu jener Zeit musste auch hier der Zehnte an die Obrigkeit abgeliefert werden. Jede zehnte Garbe, und von allen sonstigen Feldfrüchten, die als Zehntgerechte aufgeführt waren, mussten abgegeben werden. In diese Zehntscheune wurden unter Aufsicht des Rentmeisters oder Vogts die Garben, die jeder abgeben musste, eingefahren. Die Garben mussten so lange in Reihen auf den Äckern liegen bleiben, bis der Rentmeister die zehnte Garbe jeweils abholen ließ. Die übrigen neun Garben wurden dann auf sogenannte Neunlinge gesetzt. Das heißt, es wurden zunächst 4 Garben mit den Ähren nach Osten nebeneinandergelegt, dann drei und zuletzt zwei. Dieses Setzen der Garben auf Neunlinge, hat sich bis in die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen erhalten, wo dann neuere Erntemethoden die alten abgelöst haben.

Unser Mitwirken in den Revolutionsjahren 1833 und 1848

aus dem Heimatbuch Leingarten - S. 82 bis 86

Die Befreiungskriege endeten zwar mit der vollständigen Niederlage Napoleons. Die politische Erneuerung, die die Fürsten in ihrer Bedrängnis versprochen hatten, ließ jedoch auf sich warten. Die Bürger fühlten sich um die Früchte ihres Einsatzes betrogen und organisierten sich in vaterländischen Vereinen, die Studenten in Burschenschaften. Man war nicht mehr bereit, alle obrigkeitlichen Anordnungen stillschweigend hinzunehmen, ja man suchte bewußt den Konflikt und tauchte, wenn erforderlich, in Geheimbünden unter. Die Pariser Juli-Revolution 1830 fegte König Karl X. hinweg und brachte den Bürgerkönig Louis Philippe auf den Thron. Diese Vorgänge wirkten anfeuernd in den wieder absolut regierten Ländern rechts des Rheins.

Nicht weniger zündete die Erhebung Polens im November 1830 gegen die im Wiener Kongreß 1815 beschlossene vierte Teilung des Landes, bei der Rußland der Hauptgewinner, Preußen und Österreich Teilhaber wurden. Der Aufstand in Warschau wurde damals vom zaristischen Rußland blutig niedergeschlagen. Ein Asylantenstrom ergoß sich über Deutschland nach Frankreich und löste Mitleid, aber auch Ansporn zu eigenen Taten aus. In größeren und kleineren Städten Deutschlands gründete man Polenvereine zur Unterstützung der Flüchtlinge. Ihr Schicksal wirkte aber auch wie ein Fanal für unsere im Untergrund glimmenden Freiheitsbewegungen. Man zog Parallelen zur deutschen Situation und sang damals in Übersetzung das alte Revolutionslied der Polen „Noch ist Polen nicht verloren". Die Zusammenarbeit mit den Polen beschränkte sich nicht nur auf humanitäre Bereiche, die liberalen Freiheitsideen erstreckten sich bald auf politisches Gedankengut. Beim Hambacher Fest am 27. Mai 1832 (wir feierten dieses Jahr sein 150jähriges Jubiläum), an dem Vertreter der polnischen Emigration offiziell teilnahmen, erreichten die Polen Sympathien ihren Höhepunkt. Man identifizierte sich mit ihrem Freiheitskampf. In Stuttgart kam es unter Mitwirkung des Polenfreundevereins zu Kontakten zwischen Emigranten und dem württembergischen Oberleutnant Ernst Ludwig Koseritz, der in Ludwigsburg stationiert, und als Haupt einer Verschwörung gegen den König anzusehen war. Ein Aufstand der Ludwigsburger Garnison sollte zur Verhaftung des Königs und seiner Anhänger führen. Von Württemberg aus sollte die Revolution dann in die anderen deutschen Länder, aber auch ins benachbarte Ausland getragen werden.

Blitzlichtartig spielten nun Großgartach und Schluchtern am 3. März 1833 als Tagungsort dieser revolutionären Gruppe eine bemerkenswerte Rolle. Im Hause des Gutsbesitzers Heinrich Herrlinger in Großgartach trafen sich der Apotheker Trapp aus Friedberg/Hessen, der Rechtsanwalt Franz Gärth aus Frankfurt und der Rechtskandidat Breidenstein aus Homburg mit dem württembergischen Oberleutnant Koseritz, dem Gürtler Dorn aus Ludwigsburg und dem Feldwebel Samuel Lehr, der eine Herrlinger zur Frau hatte. Herrlinger bekam jedoch Bedenken und schlug als Tagungsort für die Verschwörung eine Gastwirtschaft in Schluchtern vor und gab ihnen Carl Ferdinand Eberbach als Führer mit, der sie das Wiesental am Leinbach entlang nach Schluchtern brachte. Dieser Ort schien allen Teilnehmern der geheimen Zusammenkunft als badische Exklave sicherer für ihr Unternehmen. In einem Nebenzimmer heckte man einen abenteuerlichen Aufstandsplan aus, in dem ein Doktor Bunsen aus Frankfurt als Waffenlieferant und die angebliche Bereitschaft der Frankfurter Bürgerwehr zum Mittun eine wichtige Rolle spielten. Koseritz erhielt von Doktor Gärth 300 Gulden, um niedere Militärs für den Aufstand zu gewinnen und verbürgte sich für zwei Linieninfanterie-Regimenter in Ludwigsburg. Man beschloß, in vier Wochen loszuschlagen. Trotz vieler Bedenken, vor allem von Seiten Koseritz', dem die Pläne noch zu wenig ausgereift erschienen, ließen sich die führenden Männer in Hessen durch optimistische Lagebeurteilungen von ihrem Plan nicht abbringen. Am 3. April 1833 zog ein 33 Mann starker, bewaffneter Trupp mit schwarz-rot-gelben Armbinden unter dem Kommando Doktor Bunsens und des polnischen Majors Michaowski zur Frankfurter Hauptwache. Wohl gelang es, die Soldaten zu überwältigen, doch die herbeigeeilten Bürger ließen sich durch keinerlei anfeuernde Reden zum Mitmachen verleiten. Der Aufruhr wurde schon nach einer halben Stunde ohne Blutvergießen durch starke Militärkräfte erstickt. Hartnäckiger hielt sich der Widerstand an der Konstablerwache, die unter Doktor Gärth und einigen uniformierten polnischen Offizieren, insgesamt 18 Mann, zwar die Wache ebenso im Handstreich nehmen konnten, dann aber das anrückende Militär mit Gewehrfeuer empfingen. Auf beiden Seiten gab es Tote und Verletzte. Die Anführer hatten die Bereitwilligkeit der breiten Masse, für die Freiheit zu kämpfen, falsch eingeschätzt. So blieb am Ende nur die Flucht.

Die Hoffnung der Revolutionäre, beim Volke auf aktive Beteiligung zu stoßen, erwies sich als Illusion. Erst im Juli 1833 enthüllte die Polizei die Beteiligung in Württemberg. Oberleutnant Koseritz und Unteroffizier Lehr verurteilte man zum Tode, begnadigte sie aber unmittelbar vor der Vollstreckung und ließ sie nach Amerika auswandern. Weitere Beteiligte mußten zum Teil beachtliche Freiheitsstrafen abbüßen, selbst Herrlinger erduldete eine Untersuchungshaft auf dem „Demokratenbuckel" Asperg.

Damit war ein zaghaftes Aufbegehren gegen die absolute Macht einiger Dutzend größerer und kleinerer Staaten innerhalb Deutschlands niedergeschlagen. Eine viel beachtlichere Lockerung der starren politischen Strukturen erzwang der wirtschaftliche Aufstieg nach den Kriegsjahren. Dampfmaschine und Eisenbahn waren seine Impulse. Die Zollschranken zwischen den Kleinstaaten waren unerträglich geworden. Durch die Gründung des Deutschen Zollvereins fielen sie. Damit war ein kleiner Schritt zur politischen Einheit getan.

Ende Februar 1848 kam neuer Alarm aus Paris. Der Bürgerkönig Louis Philipp war am 24. Februar 1848 gestürzt und die Republik ausgerufen worden. Drei Tage brauchte damals noch die Nachricht, bis sie Heilbronn erreichte. Die Bürgerschaft trat zusammen und beschloß eine Denkschrift an den König. In Wien und Berlin stiegen Bürger und Studenten auf die Barrikaden. Die Unruhen lösten ein Nachgeben der Fürsten aus. Man berief Männer aus dem Volk an die Regierung, und im April 1848 wählte das deutsche Volk zum ersten Mal in allgemeiner Wahl eine Nationalversammlung, die am 18. Mai 1848 in Frankfurt zusammentrat. Ludwig Uhland faßte die Begeisterung in die Worte: „Es wird kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem vollen Tropfen demokratischen Öles gesalbt ist." Überall in Württemberg und besonders in Baden bildeten sich revolutionäre Bürgerwehren. Ohne straffe einheitliche Führung operierte jede mehr oder weniger für sich allein. Die Uneinigkeit in der Frankfurter Nationalversammlung erlaubte auch bald wieder eine härtere Gangart militärisch-polizeilicher Gegenaktionen der Fürsten.

Die Ereignisse um die Revolution 1848/49 liefen in unseren beiden Teilorten verschieden ab. In Baden erzielten die revolutionären Kräfte gleich zu Anfang große Erfolge, und eine Revolutionsregierung hatte sich gebildet. Diese ordnete die Bewaffnung der Bürgerwehren an, die unter der Führung von Hecker aus Eichtersheim und Struwe standen. Sie wurden einigermaßen militärisch ausgebildet. Die Schluchterner Bürgerwehr übte unter dem Kommandanten Zimmermann nach mündlicher Überlieferung das Schießen in der Hofstätte, dem Platz der rekultivierten Müllkippe. Aber unsern Bauern und Handwerkern fehlte offensichtlich der revolutionäre Geist, sonst hätte der Bürgermeister Hessert von Schluchtern am 3. Mai 1848 keinen Anlaß für seinen Brief an das Großherzogliche Bezirksamt in Eppingen gehabt.

„Die hiesige junge Mannschaft zum 1. und 2. Aufgebot gehörig, bezeugt wenig Lust zum Exerzieren. Der eine kommt heute, der andere fehlt morgen, gerade wie es ihre Feldgeschäfte erlauben, so daß den Instruktoren die ganze Sache entgleitet." Er verweist auch darauf, daß in anderen Orten der Dienst eingestellt oder durch Freiwillige weitergeführt wurde.

Die Rückantwort aus Eppingen, drei Tage später, beklagte die Unklarheit der neuen Wehrverfassung und hofft auf ein eindeutigeres Gesetz durch die deutsche Nationalversammlung.

Auch das Karlsruher Innenministerium riet am 18. Mai 1848, nur bei Bedrohung einzelne Züge oder Fähnlein mit zuverlässigen Leuten aufzustellen. Fabrikarbeiter, Handwerkergehilfen, Dienstboten befinden sich aber nicht im Genüsse der staatsbürgerlichen Rechte, sie sind also nicht zu verpflichten.

Inzwischen mußte der Großherzog Leopold aus Karlsruhe in die Festung Germersheim fliehen. Regierungstreue Truppen begleiteten ihn und wurden auf dem Rückweg von badischen Bürgerwehren auf das württembergische Territorium von Fürfeld und Bonfeld abgedrängt. Die Freischärler stießen über die Grenze nach. Erst das Eintreffen einer königstreuen Bürgerwehr aus Heilbronn konnte die Badischen vertreiben. Dem Großherzog gelang es schließlich mit Hilfe Preußens, den Aufstand in Baden niederzuringen. Eine kleine Abteilung, 60 bis 70 Mann preußischer Husaren, erreichte, nach mündlicher Überlieferung, auch Schluchtern. Der preußische Offizier hätte sofort den Belagerungszustand verhängt und jeden bedroht, der seinen Anordnungen nicht Folge leiste. Alle Waffen mußten am Rathaus abgeliefert werden, auch verlangten die Preußen von den Bauern die Gestellung von Fahrzeugen samt Bespannung bis nach Rastatt. Der Fall dieser Festung beendete die Revolution in Baden. Soweit ihre Anführer, denen es zwar nicht an revolutionärer Begeisterung, dafür aber am politischen Realismus mangelte, nicht in die Hände der Regierung fielen, suchten sie ihr Heil in der Emigration nach Amerika. Schluchterns Freischärler sollen bei einem Marsch nach Heilbronn, wo sie sich mit sieben anderen Bürgerwehren treffen wollten, durch die Warnung eines Großgartachers zur Rückkehr bewogen worden sein. Es wäre höchste Zeit gewesen, denn württembergische Reiter waren ihnen wenig später auf den Fersen, so daß die Schluchterner gerade noch Schutz hinter ihren badischen Grenzpfählen gefunden hätten.

Mit den Revolutionswirren ist auch der plötzliche Anstieg der Bevölkerungszahl zu erklären. Schluchtern zählte im Jahre 1849 1018 Einwohner, eine Zahl, die es erst nach 90 Jahren im Jahre 1939 mit 1074 leicht überschritt. Von Großgartach weiß man, daß es im Jahre 1846 1795 Seelen zählte und 1939 auf 2752 angewachsen war. Die exponierte Lage Schluchterns als badische Insel im württembergischen Land hat seinerzeit sicher manchen Revolutionär bewogen, im „Ausland" unterzutauchen.

Doch nun zur Großgartacher Bürgerwehr. Auch sie wurde in der allgemeinen Hochstimmung aufgestellt. Die Gemeinde rüstete sie sogar mit Lütticher Gewehren aus und zahlte dafür 817 Gulden. 1860 erlöste man beim Verkauf nur noch 300 fl. Die Wehr erlitt aber am Ende das gleiche Schicksal, wahrscheinlich am selben Tag, wie die Schluchterner Bürgerwehr. Am 12. Juni 1849 sollten die Großgartacher mit denen von Bonfeld, Fürfeld und anderen Orten gemeinsam den bedrängten Aufständischen in Heilbronn zu Hilfe kommen, aber schon auf halben Wege stießen sie auf württembergisches Militär.

Sie traten schleunigst den Rückweg an, wurden aber eingeholt und ohne Widerstand entwaffnet. Unsere Vorfahren waren eben friedliche Menschen. Die Revolution war für uns unblutig vorübergegangen. Die Beteiligten erfuhren die „Gnade Sr. Majestät des Königs", der ganze Ort aber einen sechswöchigen Belagerungszustand mit Einquartierung und 742 fl Unkosten.

Die Ziele der Revolution aber konnten im Widerstreit der Meinungen vieler überzeugter Demokraten gegen den Geist der Reaktion in den Länderregierungen nicht erreicht werden. Die politische Wirklichkeit pendelte sich wieder auf den „vormärzlichen" Zustand ein. Die Zeche allerdings bezahlte wieder, wie immer, das Volk. Schluchterner Akten im heutigen Leingartener Archiv geben genauen Aufschluß über die Reparationen zur „Bestreitung der durch den Maiaufstand (1848) erwachsenen Kosten für die militärische Hilfe".

Da wurde am 22. Juni 1849 vom Königlich-Preußischen Armeecorps-Kommando verfügt, daß künftig die Verpflegung der Truppe nicht mehr durch Requisition beschafft wird, sondern alle Lieferungen der Gemeinden in zwei Hauptmagazine nach Karlsruhe-Durlach zu liefern sind.

Am 1. Juli 1849 erhielt der Gemeinderat von Schluchtern bereits den Befehl, binnen drei Tagen folgende Lebensmittel im Magazin des Eisenbahnhofs in Karlsruhe abzuliefern:

1962 Pfund Bollmehl
987 Pfund Kernenmehl (Dinkel)
981 Kornmehl
1650 Pfund lebendiges Fleisch
650 Pfund Reis oder gerollte Gerste
180 Maß Branntwein
197 Sester Hafer

Nachträglicher Hinweis: Der Hafer muß in Säcken zu je 10 Sester, der Branntwein mit 36 Grad Alkohol in Fässern geliefert werden.

Am 26. Juli 1849 brachte die Gemeinde durch Fuhrmann Konstantin Weinreuter acht Dragoner-Monturen nach Karlsruhe. Bitten um Ermäßigung der hohen Forderungen wurden abgeschlagen und mit militärischem Eingreifen gedroht. Weil die Lebensmittel im Dorf nicht alle aufzutreiben waren, kaufte man sie auswärts. Im Oktober 1849 wurde mit dem Handelsmann Meier Schräg aus Obergrombach ein Liefervertrag abgeschlossen. Eine lange Liste mit 289 Steuerpflichtigen gibt Hinweis auf die aufzubringenden Naturalien.

Die Großherzoglich-Badische Ausgleichskommission forderte am 29. April 1850 einen Gesamtkostenanteil von 2023 Gulden 2 Kreuzer, auf den 799 Gulden Vorleistungen angerechnet wurden. Im März 1857 verlangte Karlsruhe noch eine Nachzahlung von 187 Gulden, so daß die arme Gemeinde mit 2210 Gulden zur Entschädigung herangezogen wurde. Bedenkt man, daß sie gerade in den Hungerjahren 1850 bis 1854 180 Ortsarmen die Auswanderung nach Amerika finanzieren mußte, wird uns das volle Ausmaß der Forderungen bewußt.

Revolution 1848 in Schluchtern

Aus „Berichte des Heimatvereins Leingarten“
6. Jahrgang Nr. 42 Juni 1981
von Joseph Schaul

„Revolution 1848 in Schluchtern"

Die Revolution 1848 die ihren Ausgang in Frankreich genommen hatte, ist vor allen Dingen in Baden auf fruchtbaren Boden gefallen, baden, das durch seine geographische Lage immer schon mit französischem Geist in Berührung kam, war hierzu aufgeschlossener als alle anderen deutschen Länder. In Baden war eine Revolutionsregierung ausgerufen worden. Der Großherzog von Baden mußte außer Landes fliehen, da der größte Teil des Militärs, das in seiner Hauptmacht in Karlsruhe stationiert war, sich auf die Seite der Aufständischen gestellt hatte.

Die Revolutionsregierung in Karlsruhe ordnete u.a. an, daß eine allgemeine Volksbewaffnung stattzufinden habe. Neben der Ausbildung in den Garnisonen, wurde in jeder Gemeinde in Baden eine sogenannte Bürgerwehr aufgestellt, die von geeigneten Männern ausgebildet werden mußte. Diese Männer wurden die Revoluzzer oder Freischärler genannt. Auch in Schluchtern mußte auf Geheiß der Regierung eine Bürgerwehr aufgestellt werden. Zu ihrem Ausbilder und Kommandanten wurde der alte Akziser ernannt, der Zimmermann geheißen hat. Die Freischärler durften nicht nach den strengen militärischen Reglements ausgebildet werden, sondern getreu der Parole der Revolution "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit".

Die Ausrüstung bekamen die Freischärler vom Staat. Sie bestand aus einem langen Vorderlader, einer sogenannten Muskete, einem Tornister, einem Säbel, einem Kugel-, Pulver- und Brotbeutel, sowie einer Feldflasche. Eine ausgesprochene Uniform hatten die Freischärler nicht getragen. Das einzige was sie nach außen als Revoluzzer auszeichnete, war der sogenannte Heckerhut. Heckerhut deswegen, weil die Hauptmacher der Badischen Revolution Hecer und Struve hießen. Nachdem die Bürgerwehr soweit ausgebildet war, wurde auch scharf geschossen. Schießplatz war der Hoffstätter Rain, wo sich heute der Auffüllplatz befindet. Die Eisenbahn war damals noch nicht gebaut, so daß von der Schwaigerner Straße aus in Richtung Hoffstätter Rain geschossen werden konnte. Die Freischärler waren in Bezirkskommandos eingeteilt. Schluchtern, damals zum Amtsbezirk Eppingen zählend, war merkwürdigerweise dem Bezirkskommandeur von Bonfeld unterstellt. Bonfeld war württembergisch und am Randgebiet von Baden ebenfalls in den Strudel der Revolution geraten.

Auch das 8. Württ. Jägerregiment, das im Deutschhof in Heilbronn stationiert war, wurde von der Revolution angesteckt und meuterte. Die Offiziere waren geflohen.
Als der Bezirkskommandant von Bonfeld von den meuternden Soldaten in Heilbronn erfuhr, gab er den Schluchterner Freischärlen den Befehl, sich kriegsmäßig nach Heilbronn zu begeben, um mit dem dortigen Militär Verbrüderung zu feiern.

Morgens in der Frühe marschierten die Revoluzzer von Schluchtern auf der alten Römerstraße, die etwa auf der Höhe der Schießmauerstraße über Großgartach nach Heilbronn führte, nach dort, um sich mit den meuternden Soldaten zu vereinen.

Auf der Böckinger Höhe begegnete ihnen von Heilbronn kommend ein Mann aus Großgartach, namens Röslen. Dieser Mann fragte die Freischärler: "Wo wollt dr denn nor ihr Schlichterer?" Sie sagten ihm, daß sie nach Heilbronn outen, um mit den Württ. Jägern Verbrüderung zu begehen.

Da sagte der Mann von Großgartach zu den Freischärlern: "Wenn ich Euch gut raten darf, kehrt sofort um und geht nach Hause. Der Marktplatz in Heilbronn ist voll von gelben Ulanen aus Ludwigsburg, die die meuternden Soldaten in Heilbronn entwaffnet haben".

Und sie waren wirklich gut daran, die Revoluzzer von Schluchtern, daß sie den Rat des Röslen aus Großgartach befolgt haben. Denn als sie auf dem Nachhauseweg auf der alten Straße kurz vor dem Eichbottgraben waren, tauchte in ihrem Rücken ein Beritt Ulanen auf, die nach Schluchtern vorfühlten. Als die Ulanen aus der Wasserfallstraße in Großgartach auftauchten, sahen sie den bewaffneten Haufen der Freischärler vor sich. Die Ulanen setzten zur Attacke an und fegten über das Ackerfeld auf den verlorenen Haufen zu. Dieser hatte aber bereits die heimatlichen Gefilde erreicht. Obwohl der Führer der Revoluzzer sofort den Befehl gab: "Gib das Karee!" dürften nicht die drohenden Flintenläufe die Ulanen abgehalten haben, sondern die badischen Grenzpfähle, die dort am Eichbottgraben verliefen. Die Ulanen hielten auch an den Grenzpfählen ihre Pferde an und verhielten zunächst, die Lanzen gefällt. Sie hatten Befehl, auf keinen Fall die badische Grenze zu überschreiten. Inzwischen rückten preußische Truppen von Hessen her auf die badische Grenze zu, um die Revolution niederzuschlagen. In zwei Heersäulen zogen die badischen Truppen den Preußen entgegen. Die Freischärler von Schluchtern bekamen vom Kommandeur in Bonfeld den Befehl, sich bereitzuhalten, um in der Nacht abrücken zu können, um sich den das Elsenztal hinunterziehenden badischen Truppen anzuschließen.

Die Nacht verging unter Hangen und Bangen, doch es kam keine Nachricht aus Bonfeld, daß die Freischärler abrücken sollten. Als anderntags am Mittag immer noch keine Meldung aus Bonfeld eingetroffen war, schickte der Kommandeur seinerseits einen Melder zu Pferd nach dort, um zu erfahren, was eigentlich los sei. Auf schweißbedecktem Roß kehrte der Melder nach kurzer Zeit zurück und brachte die unheilvolle Kunde, daß die Lage für die Aufständischen kritisch geworden sei. Bei Heidelberg sei eine große Schlacht geschlagen worden und die Preußische Kavallerie hätte schon bei Sinsheim/Elsenz vorgefühlt. Man konnte es an den Fingern abzählen, wann die Preußen in Schluchtern sein würden. Diese Nachricht hat natürlich alle aufgeschreckt. Der Bezirkskommandant von Bonfeld ließ den Führer der Freischärler von Schluchtern wissen, daß die Revolution zusammengebrochen sei.

Am späten Nachmittag kam dann eine preußische Husarenpatrouille von 60 bis 70 Mann, die von einem Offizier geführt wurde, vom Taschenwald her die Große Hohle herein. Am Dorfeingang der Großen Hohle stand ein Mann (der Name ist nicht mehr bekannt), und schaute interessiert den heranrückenden Preußen zu. Den schnauzte der Offizier so richtig preußisch an und fragte nach dem Rathaus. "Sie kommen sofort mit", sagte der Offizier, und schon nahmen den Mann zwei Husaren in die Mitte, damit er das Rathaus zeige.

Dann wurde auf die gleiche Weise Bürgermeister Hessert, sein Stellvertreter Matthias Schneider und der Amtsbote herbeigeholt. Die anderen Berittenen sperrten sofort sämtliche Zufahrtswege, das schußbereite Gewehr über dem Sattelknauf. Der Offizier gab sodann bekannt, daß Schluchtern ab sofort der preußischen Militärregierung unterstehe und der Belagerungszustand verhängt sei. Wer etwas gegen die Preußen unternehme, würde ohne Federlesens an die Wand gestellt und erschossen. Innerhalb einer Stunde müßten sämtliche im Besitz der Bevölkerung befindlichen Waffen vor dem Rathaus abgeliefert werden. Ferner hat Schluchtern Pferde und Wagen zu stellen, die als Troßfahrzeuge den Preußen innerhalb einer halben Stunde zur Verfügung sein müßten. Der Gemeinde wird eine Kriegskontributation auferlegt, über deren Höhe später noch entschieden werden soll. Es wurden aber nicht alle Waffen abgeliefert. Wie der Stettenfelser erzählte, sind später, als die Preußen fort waren, im Rauchfang des Russenschmiedshäusle, das in der Großen Hohle stand, noch eine große Menge, der 48er Flinten versteckt gewesen. Die letzten dieser Flinten dürften beim Einmarsch der Amerikaner vernichtet worden sein.

Als die Preußen abrückten, wurden die Schluchterner Bauern mit ihren Fahrzeugen in die Mitte des Zuges genommen, damit sie nicht ausrücken konnten. Sie mußten wochenlang mit den Preußen ziehen, bis die Revolution auch im badischen Oberland und in der Festung Rastatt niedergeschlagen war. Entschädigung dafür haben sie keinen Kreuzer erhalten.

Mit der Kapitulation der Feste Rastatt war auch der Widerstand der Revoluzzer gebrochen. Die Haupträdelsführer flohen nach Amerika. Großherzog Ludwig kehrte wieder in seine Residenz nach Karlsruhe zurück. Wer sich an der Revolution aktiv beteiligt hatte, dem wurden hohe Kontributionen auferlegt, so daß die meisten der wirtschaftliche Ruin traf.

In Schluchtern selbst sind die Abgaben nicht so hoch ausgefallen, da die meisten Beteiligten sich rechtzeitig aus der Affäre ziehen konnten. Einer der größten Bauern damals in Schluchtern, der Matthias Schneider, der gleichzeitig stellvertretender Bürgermeister war, mußte 100 Gulden bezahlen; der Müller Koch, der als der reichste Mann hier galt, 500 Gulden. Im Allgemeinen wollten die Bauern von Schluchtern nicht viel wissen von der Revolution. Sie waren der Art und der Gesinnung nach fürstentreu.

Die Revolution hatte für den Müller Koch neben Bezahlung der 500 Gulden noch ein gerichtliches Nachspiel. Einige Zeit nach Beendigung der Revolution wurde der Müller Koch abgeholt und vor Gericht gestellt. Er mußte sich wegen Beleidigung seiner Hoheit, des Großherzogs von Baden, verantworten.

Der Vorgang soll sich so zugetragen haben: Früher wurde in allen Kirchen des Landes für den Großherzog und die Großherzogliche Familie dem Sinn nach mit folgenden Worten gebetet: "Beschütze o Gott den Großherzog und das ganze Großherzogliche Haus und laß Gottes Furcht und Friede in ihm wohnen". Als der Pfarrer in der Kirche dieses Gebet gesprochen hatte, sagte der Müller Koch laut vor sich hin: "Bett' für uns, anstatt für den Spitzbub". Diesen Ausspruch hat ein anderer Kirchgänger gehört und weitererzählt. Für diesen leichtfertig dahin gesagten Satz, der sicher mehr im Spaß, als im Ernst gemeint war, mußte der Müller eine hohe Strafe bezahlen. Die Alten erzählten, wenn er kein einflußreicher Mann gewesen wäre, hätte ihm weit Schlimmeres passieren können. Damit war die Revolution auch in Schluchtern vorüber. Viele haben auch von hier ihr Leben gelassen. Dem Hanneser Franz', der neben dem Rathaus gewohnt hat, wurde bei einem Gefecht durch die Hand geschossen. Wesentliches erreicht wurde nicht, doch auf die Dauer war dieser Volksaufstand nicht umsonst gewesen. Der freiheitliche Geist, der hier zum Ausdruck kam, ist in der Bevölkerung wachgeblieben und wurde vor allem von den Turnern und Sängern hochgehalten und gepflegt.

Joseph Schaul
(1200-Jahrbuch Schluchtern)

Gemeinderatswahl in Großgartach 1896 - Kladderadatsch

Neckar-Zeitung 7. Dezember 1896: (Quelle: Universitätsbibliothek Heidelberg)

Zur Gemeinderathswahl in Großgartach veröffentlichen „viele Wähler" in der „Neckar-Zeitung" vom 7. Dec. folgenden Aufruf:
„Bürger! Wählet Männer, welche für das Wohl der Gemeinde einstehen, mit denen der Ortsvorstand auch ruhige Sitzungen abhalten kann, und nicht wegen übler Laune oder auch wegen üblem Alkoholgeruch die Sitzung auf nachmittag verlegen muß". Allerdings ist zu wünschen, daß die Neugewählten dem Ortsvorstand die üble Laune und den üblen Alkoholgeruch vertreiben.

Kriegserinnerungen im 19. Jahrhundert

Befreiungskrieg
Im Krieg 1813 gegen die Franzosen sind die verbündeten Heere der Deutschen, der Österreicher und der Russen in drei Heersäulen über den Rhein gezogen. Die Deutschen, die von Blücher, „Marschall Vorwärts", führte, gingen bei Kaub über den Rhein, die Russen bei Mannheim und die Österreicher bei Freiburg. Auch durch Schluchtern zogen Einheiten des Russenheeres, vor allem waren es Kosaken, ein unübersehbarer Heerwurm. Die alte Rosere, die Mutter der Rosers Hanna, die 93 Jahre alt wurde, hat diesen Durchzug und auch die Einquartierung in Schluchtern selbst noch als Kind erlebt. Da seien so viel Russen durchmarschiert, dass man oft einen halben Tag und länger hat nicht über die Straße gehen können.

Über den Winter 1813/14 waren die Russen hier auch ein quartiert. Sie hätten mitten im Leinbach bei der Schalkwiese das Eis losgeschlagen und gebadet, was ihnen nicht das geringste ausgemacht habe, ja sie hätten sich dabei sogar pudelwohl gefühlt. Wie die Alten erzählten, sollen die Russen riesenstarke Kerle, aber gutmütig gewesen sein und sich anständig aufgeführt haben.


Bruderkrieg 1866
Am Krieg 1866 nahm von hier Wilhelm Hessert, der Vater des früheren Schreinermeisters Hessert, teil, der viele Jahre hier Akziser war. Hessert hatte bei den Füsilieren in Rastatt gedient und war damals 25 Jahre alt, als er an dem Feldzug teilnahm. In Hundsheim bei Königshofen kamen die badischen Truppen in Berührung mit den Preußen. Von beiden Seiten wurde kein Schuss abgegeben. Die Preußen hatten sich auf einer beherrschenden Höhe festgesetzt. Sobald die badischen Truppen, die in starker Übermacht waren, vorfühlten, zogen sich die Preußen zurück und umgekehrt wichen bei einem Vorgehen der Preußen die badischen Truppen auf ihre Ausgangsstellung aus. Die Badischen hatten Befehl, nur zu schießen, wenn sie durch Feuer der Preußen eingedeckt würden. Nicht überall ging es bei diesem Krieg so unblutig zu.


70er Krieg
Im Krieg 1870—1871 mussten hier 22 wehrfähige Männer einrücken. Die Namen der Teilnehmer konnten am verwitterten Stein des alten Kriegerdenkmals auf der Rückseite gerade noch entziffert werden.  Einer von den Teilnehmern, Johann Würz, ist gefallen. Bei der Tafel 11 des Ortsrundgangs Schluchtern wird auf das Kriegsopferdenkmal eingegangen.

Von dem Kriegsteilnehmer Arthur Kirchgeßner, der ein alter Haudegen war, wird folgendes berichtet: die Einheit, bei der Kirchgeßner war, lag vor Villasest und hatte Verteidigungsstellung bezogen. Kirchgeßner war Hornist und bemerkte als solcher, dass der Feind sich zum Angriff bereitstellte. Da blies er, ohne Befehl erhalten zu haben, für seine Einheit aus eigenem Entschluss das Signal zum Angriff. Das Signal wurde von den anderen Hornisten aufgenommen, und die gesamte Front geriet in Bewegung und griff in das Gefecht ein, das auch siegreich beendet wurde. Nachher hatte sich herausgestellt, wer die Veranlassung zum Angriff gegeben hatte. Der Hornist Kirchgeßner wurde mit einer hohen Auszeichnung bedacht, gleichzeitig aber auch bestraft, weil er ohne Befehl eigenmächtig gehandelt hatte. Wäre dieses Gefecht nicht siegreich beendet worden, hätte es unserem Landsmann schlecht ergehen können. Kirchgeßner war bis ins hohe Alter ein treues Mitglied des damaligen Kriegervereins. Er wurde bei seinem Tod mit militärischen Ehren beigesetzt.

Kriegsende 1945 in Großgartach

Vortrag von Dr. Eckstein
Zur Erinnerung: die beiden großen Kirchenglocken zu 1100 und 520 kg Kirchenglocken mussten am 23. Januar 1942 abgegeben werden. Nach dem Herausheben vom Glockenstuhl riss das Seil und die große Glocke zersplitterte beim Aufschlag vor der Sakristei. Der Gemeindepfarrer Pfarrer Bergmann war im Krieg und bis zu seiner Entlassung aus russ. Kriegsgefangenschaft 1946 durch Amtsverweser Traub und Superintendant Karl Ladenberger vertreten.

Bürgermeister war seit Mai 1918 Hans Sauter und die B 293 wurde am 15.2.1942 dem Verkehr übergeben.

Der Mangel an Arbeitskräften war groß. Im Hintergebäude des Löwen befand sich ein Kriegsgefangenenlager für 15-20 Gefangene. Sie wurden morgens teilweise von Kindern für die Feldarbeit abgeholt und abends zurückgebracht.

Am 4.6.1940 erfolgte der erste Fliegeralarm.1941 wurden Sammelräume für den zivilen Luftschutz im Gasthaus zum Löwen – Hintergebäude- und in dem Bier und Eiskeller von Albert Röslen Ecke Heuchelberg und Bergstrasse eingerichtet.

Vom 3.12.1944 bis Kriegsende war das Heerespferdelazarett Nr. 430 einquartiert.

Beim Angriff auf Heilbronn am 4.12.1944 wurden Großgartacher Gemarkung zwischen 19.10 Uhr und 20.10 Uhr nach Angaben der Ortschronik 1000 Brand- und 20 Sprengbomben abgeworfen.

Panzersperren wurden Ende März 1945 errichtet und am 2. und 3 April hauptsächlich von „Frauen wieder entfernt, nachdem der Kreisleiter nichts mehr zu befehlen hatte“. (BM Sauter punkt 3).

Die Panzersperren waren ca. 3 m hohe vorwiegend Eichenbalken, die 2 m tief in die Erde eingegraben wurden. In der Heilbronner Strasse beim Kaufmann Röslen, der Heuchelberg- und Frankenbacherstrasse sowie nach Schilderung des Zeitzeugen O. Krieger auch der Bahngasse.

Immer wieder wurde Luftalarm ausgelöst: Die JaBos flogen das Leintal hinab in Richtung Heilbronn – manchmal 2 – 3 x pro Tag. Bevorzugtes Ziel war die strategische Bahnlinie Heilbronn-Germersheim und LKW’s. Aber auch auf Menschen wurde geschossen - so berichten Zeitzeugen

02. Februar:  2 Sprengbomben zu 5 kg auf den Posten 66
15. Februar:  1 x 250 kg Sprengbombe beim Wasserwerk in der Eppinger Strasse
1.+ 5. März:   je 4 Spreng- und 200 Stabbrandbomben im unteren Wiesental + Bordwaffenbeschuß
                     Bombentrichter 6 m breit und 4 Meter tief.
20. März:      12 englische Jagdflugzeuge mit Borwaffenbeschuss (Trude Reber berichtete darüber).
                     Eine 5 kg Sprengbombe zerstört Hochspannungsleitungen im Gewann Moosich.
23. März:      wieder Bordwaffenbeschuss: „Ungehindert konnten die feindlichen Jagdbomber ihre Ziele anfliegen und Bomben abladen“.

Auf Großgartach wurden während des Krieges 250 Brandgranaten und 10 Sprengbomben abgeworfen, auch im Heuchelberg, Stahlbügel und unteren Wiesental.

„Durch die Ortstrassen ziehen Pferde, Wagen, LKW’S. Soldaten, die deutschen Truppen fluten zurück ins Land und suchen Quartier. . Tausende Flüchtlinge passieren den Ort-Tag für Tag und Nacht für Nacht- so im Protokoll von 1. + 2. April 1945. Aus dem Stadtgebiet Heilbronn mussten nach dem 4. Dezember 400 - 450 Personen in Großgartach, das 2750 Bewohner zählte, untergebracht werden“. Heilbronn hatte im April 1945 noch 7000 Einwohner gegenüber 77.000 vor dem Krieg.

Luftschutzkeller wurden weiter ausgebaut. So auch unter der Turnhalle für 125 Kinder des Kindergartens neben den erwähnten in der Kastanienstraße und unter dem Löwen. Jedes Haus musste bombensichere Keller mit Notausstieg bauen, teilweise auch unterirdische Verbindungen zu den Nachbarhäusern und Stützpfeiler für die Gewölbekeller.

Der Beschuss durch die Jagdflugzeuge ging ungehindert weiter. Dier elektrische Strom fiel aus und damit auch die zentrale Wasserversorgung. Wir hatten ja hier in Großgartach seit 1907 die zentrale Wasserversorgung, 16 öffentliche Brunnen und viele Hausbrunnen.

Von Gründonnerstag 30. März bis 2. April wurde der kommandierende General der 1. dt. Armee General Förtsch mit seinem gesamten Stab einquartiert. Er machte damals erfolglos den General des Reichstatthalters Murr auf die widersinnige Fortführung des Krieges aufmerksam. Bei seinem Rückzug wünscht er Bürgermeister Sauter, dass die Besetzung von Großgartach rasch und ohne Verteidigung gehen möchte. „Jedermann soll sein Eigentum nach Möglichkeit behüten und beschützen und ja nicht auf das Feld oder in den Wald des Heuchelbergs gehen.

Hier eine Anekdote: Die Deutschen klauten beim Rückzug die beste Schreibmaschine von Bürgermeister Sauter, eine Olympia.

Ostersonntag 1. April: Ostergottesdienst um 6 Uhr früh durch Pfarrer Traub. Um 07.30 Uhr kreisten bereits Flieger über dem Ort. An Glockengeläut war nur die kleine Taufglocke zu hören.

Ostermontag 2. April: 6 Uhr Gottesdienst und Trauergottesdienst für 3 junge gefallene Großgartacher Soldaten. Am Abend sind Panzerspitzen in Franken eingetroffen.

Osterdienstag 3. April: Frankenbach wird ohne Beschuss besetzt und ein Teil der US Armee ist bis Neckargartach vorgestoßen. Von Westen, von Schwaigern her hört man bereits Panzer auf der B 293 rollen. Im Rosenberger und Heuchelberg hatte sich die Deutschen Wehrmacht verschanzt und am Nordrand von Großgartach Minen gelegt.

Gegen 17.30 Uhr befuhr der Landwirt Hermann Maulick mit seinem Pferdegespann und Dungwagen die Kirchhausener Strasse und wurde im Gewann Vorderes Hessenfeld von einer Mine mitsamt den Pferden in die Luft gesprengt und getötet.

Von diesem Tag 3. April 1945 stammt auch Heinrich Himmlers Flaggenbefehl, der besagt, dass in einem Haus das die weiße Flagge zeigt, alle männlichen Personen zu erschießen seien.
Mittwoch 4. April 1945: Es soll wunderschönes Wetter mit Südwind gewesen sein.

Um 5 Uhr wurden die eiserne Leinbachbrücke bei der Mühle Amos und die Brücke bei der Mühle Amos gesprengt. Auch die Turn- und Festhalle sollte gesprengt werden. Ein Leutnant soll durch die Straßen geeilt sein und wollte den Ort bis aufs Äußerste verteidigen. „Wo schon so viele Ortschaften zerstört seien, komme es auf eine weitere mehr oder weniger nicht an‘“ schreibt ein Berichterstatter. Die Bürger lehnten jeglichen Widerstand ab. Bürgermeister Sauter, Bürgermeistervertrete Wacker und Werkmeister Titus der NSU /Turnhalle hatten einen schweren Stand, die Offiziere von der Sinnlosigkeit ihres Widerstandes zu überzeugen.

Panzer der amerikanischen Armee waren inzwischen auf der B 293 in Richtung Heilbronn aufgefahren mit dem Ziel bei Heilbronn den Neckar zu überqueren. Zeitzeugen berichten von verschanzten Soldaten in der Scheunenreihe nördlich der Heilbronner Strasse.

Der erste Schuß der amerikanischen Panzer traf den Turm der Lorenzkirche mit einer Sprenggranate und deckte das Ostdach über dem Konfirmandensaal ab.

Mein Nachbar, der damals 6 jährige Alfred Betz berichtet: Überall und ganz nahe hörte man Detonationen: Er hatte mit der Familie und Nachbarn in einem selbstgegrabenen Bunker unter der Scheune Heilbronner Strasse 8 Schutz gesucht, als sich ein Geräusch wie prasselnder Regen entwickelte. Die Mutter traute nicht – da es schönes Wetter war, konnte es doch nicht regnen! Als sie die Türe öffnete, stand die Scheune über ihr in lodernden Flammen. Phosphorgranaten hatten alles in Brand geschossen: „Raus. Raus!“ – in Panik rannten alle durch die brennende Scheune – aber wohin? Die Nachbarscheune brannte, das eigene Wohnhaus und Nachbarhaus Sonnengasse 1 standen lichterloh in Flammen. Schnell zum Eiskeller im Geissbuckel, der heutigen Kastanienstrasse – Der gemeindeeigene Schafstall Kastanienstrasse 1 brannte ebenso. Wie er zum Eiskeller gekommen ist, konnte er sich nicht mehr erinnern. . Damals sprach noch niemand von einer kindlichen Traumatisierung.

Die ganze Scheunenreihe an der südlichen Heilbronner Strasse bis zur Kelterstrasse stand in hellen Flammen. Vom Südwind angefacht, griff das Feuer in die Wohnhäuser über, wenn sie nicht direkt mit Phosphorgranaten beschossen wurden.

Die Scheunenreihe der nördlichen Heilbronner Strasse bis teilweise ins Unterdorf (Heilbronner Str. 114, 127-129) wurde ebenfalls durch Brandgranaten beschossen und brannten ab. Insgesamt wurden lt. „Großgartacher Ortschronik Teil II 1933-1956“ - 35 Häuser, 30 Ställe, 24 Schuppen und 10 Anbauten ganz oder teilweise zerstört. Auch der Heuchelturm wurde beschädigt“.

Da die öffentliche Waser- und Stromversorgung schon Tage zuvor zusammengebrochen war, konnte nur mit Wasser der Brunnen und Jauche gelöscht werden. Bei der Sanierung der Gebäudes Heilbronner Straße 12 kam noch ein verkohlter Dachbalken zum Vorschein.

Es war der 3 bzw. 4 verheerende Großbrand in unserem Ort. Am Gründonnerstag 1. April 1685 fiel nahezu das ganze Dorf einem Großbrand zum Opfer. Nur die Laurentiuskirche blieb damals verschont.
Am 19/20.1.1885 lag lt. Ortschronik durch Brandstiftung 1/6 des Dorfes in Schutt und Asche und am 11./12.1891 brannten 4 Scheunen, 3 Stallungen und einige Hintergebäude nieder.

Inzwischen wurde am Kirchturm und an Privathäuser die weiße Fahne angebracht, welche wegen der Rauchentwicklung von den amerikanischen Streitkräften an der Bundesstraße nicht sofort erkannt wurde.

Um 10.30 Uhr begaben sich Bürgermeister Sauter und Bahnhofvorstand Schlagenhauf mit dem 12 Jahre alten Schüler Karl-Heinz Reuther dem 13 jährigen und Kurt Rau ( als Träger der weißen Fahne und Dolmetscher) zum Kommandanten der amerikanischen Armee an der B 293 in der Gegend der Wimpfener Hohle, nördlich der Feldscheune von Hermann Röslen. Die Brücken waren gesprengt. Zum Überqueren des Leinbachs wurde von Einwohnern von Schluchtern eine Leiter gebracht.

Der Kommandant hatte ein Einsehen mit der schweren Not der Einwohner, den Frauen und Kindern und dem Großbrand und ließ das Feuer einstellen, obwohl Reste der Deutschen Wehrmacht noch weiter feuerten. Die Wehrmacht zog sich nach Süden zurück und leistete insbesondere in der Nordheimer Strasse noch heftigen Widerstand.

In der Wickenstrasse 11 kam Frau Erna Müller durch US-Beschuß ums Leben und in der Südstraße 23 Frau Elise Kull geb. Jakob durch eine Granate der Deutschen Wehrmacht. 6 blutjunge 17 jährige Soldaten vorwiegend aus dem Sudetenland plus ein 33 Jähriger mussten bei dem sinnlosen Kampf um Großgartach ihr Leben lassen.

Gegen Abend zogen die Amerikaner in Großgartach ein. Ein Sherman M4 Panzer versperrte das Ende der Bahngasse mit Schußrichtung Kirchplatz. Zeitzeuge Otto Krieger erzählt: „Aber die Großgartacher waren erfinderfisch: Wollte man in die Bahngasse, war kein Durchgang mehr für die Fußgänger. So gingen wir beim Uhrmacher Eckstein in den Laden und durch die Küche in den Hof wieder hinaus ins Geissgässle“.

Ein weiterer Panzer stand lange Zeit im Gewand „Im Ravensberg“.

Donnerstag 5. April: Die Brandherde in Großgartach waren gelöscht. In Schluchtern wehte die weiße Fahne vom Kirchturm und die Amerikaner besetzten den Ort. Keine Zerstörung - Kein Schuß fiel und niemand wurde verletzt.

An Abend zog die französische Armee in Großgartach ein. Besonders gefürchtet waren die Afrikaner und Marokkaner. Es kam zu Plünderungen. „ Weder das Eigentum, noch die Frauen und Mädchen waren von da an sicher. Sie drangen in die Häuser eine, metzelten Hühner nieder, rissen Hasen aus den Ställen und requirierten Lebensmittel- sie machen sich kein Gewissen, alles erreichten sie mit Gewehr und Revolver in der Hand“. Es muss schlimm gewesen sein.

Bürgermeister Sauter durfte im Amt bleiben. Die frz Offiziere machten ihm klar „ wir sind nicht zur Befreiung der Deutsche gekommen. Sie haben streng dafür zu sorgen, dass unsere Befehle ausgeführt werden“ Es wurde eine Ausgangssperre verhängt. Nur in der Zeit von 07.-09 Uhr und 13 bis 15 Uhr durfte die Bevölkerung das Haus verlassen.
Am 5. April sind noch 2 Franzosen und 2 Marokkaner ums Leben gekommen. Sie wurden außerhalb des Friedhofs auf der Westseite begraben, am 11.9.1950 exhumiert und auf den Nationalfriedhof bei Straßburg überführt. Die Marokkaner sollen lt Zeitzeugen (so steht es nicht im Chronikbuch) wegen begangenen Kriegsverbrechen im Hof von Ernst Pfenninger erschossen worden sein.

Und nun Auszüge aus dem Buch „Das Kriegsende“ von Uwe Jacobi:

Freitag 6. April: In der Nordheimerstrasse fielen vormittags Schüsse. Es hieß Privatpersonen hätten auf Franzosen geschossen. Gegen 11 Uhr verlangt der frz. Kommandeur 3O Personen als Geiseln. (Buch „Das Kriegsende“ von Uwe Jakobi Seite 125 – 126) Bürgermeister Sauter wehrt sich verzweifelt „das können Sie nicht von uns verlangen“. Die Franzosen ergreifen willkürlich 10 Männer auf der Straße und sperren sie in einem Klassenzimmer in der Lorenzschule ein. Der 59 jährige Anton Horndacher wird gesundheitshalber entlassen und dafür Helmut Werner gekidnappt. Helmut Werner berichtet erst 1985 über diese Begebenheit. Den Geiseln wird immer wieder gedroht, falls noch irgendwas passiere, werden sie sofort erschossen. Bürgermeister Sauter vermittelt ergebnislos. Ständige Erschießungsdrohungen zermürben die Geiseln, obwohl sie Gustav Pfenninger mit seiner Gemütsruhe zu beruhigen versucht. Zum Essen gab es nur Wasser, Brot und Kekse. Gegen Abend wurde es draußen ruhig und die Bewacher verschwunden. Die Geiseln ergriffen sofort die Flucht. Wie sich später herausstellte, schossen Marokkaner auf Hühner in der Nordheimerstrasse. Aus den Unterlagen geht nicht hervor, wie lange diese Geiselnahme dauerte und wer die Geiseln waren.

Am Nachmittag des 6. April standen plötzlich 200 ehemalige Personen aus Russland und Polen vor Schule und Rathaus und verlangten untergebracht zu werden. Der amerikanische Major verlangte von Bürgermeister Sauter die sofortige Unterbringung und Freimachen der Durchgangstraße. Da Privathäuser, öffentliche Gebäude und Gaststätten bereits durch Amerikaner und Franzosen besetzt waren, wurden sie schweren Herzens im Konfirmandensaal der Lorenzkirche untergebracht. Der amerikanische Major befahl Bürgermeister Sauter die Verpflegung durch ein „gutes Essen“ und nicht nur durch Eintopf. Frau Elise Eberle, Frau Margarete Flister und Frau Marta Sauter übernahmen diese schwere Aufgabe. Auch hier kam es zu Plünderungen: das Wäschelager der Fa Bleyle, im Löwen vom Stammsitz in Ludwigsburg ausgelagert und die Bekleidung des in Heilbronn ausgebombten Pfarrers Traub, der sein Hab und Gut in die Sakristei gerettet hatte.

Das Lager im Konfirmandensaal der Lorenzkirche wurde erst am 9. April durch Veranlassung der Amerikaner geräumt, da die Plünderungen immer mehr zugenommen hatten.

Beide Schulhäuser waren besetzt und viele wertvolle Gebrauchsgegenstände, Lehr und Lernmittel sowie Küchenutensilien entwendet. So auch aus der Gartenschule die Vereinsfahne des Gesangvereins Liederkranz. Sie wurde in Cannstatt wiedergefunden und erst am 6.6.1948 zurückgebracht.
Kommando und Bewachungsmannschaft des Böckinger Kriegsgefangenenlagers - etwa 900-1400 amerikanische Soldaten – war in vorwiegend in Häuser der Nordheimer Straße und im Hoppengraben untergebracht.

Tagebucheintrag vom Sonntag 8. April: „Ein herrlicher Sonntag steigt auf. Klarblauer Himmel. Drüben auf dem Kirchplatz ist der Frühling in vollem Anbruch. Der Ginster wirft seinen goldenen Schleier über das Gemäuer. Aber wer weiß denn, ist es Sonntag – weiß jemand ob es Mittwoch oder Donnerstag oder sonst ein Wochentag ist? Keine Uhr geht recht. Die Fahne auf dem Kirchturm hat sich mit dem Zeiger verwickelt und die vielen Detonationen rütteln am Uhrwerk“.

Tagebucheintrag vom 10. April: „Ein Sonnentag löst den anderen ab. Vögel zwitschern in dem sprossenden Geäst. Aber wir sind Gefangene. Der Landwirt muss zuhause bleiben und kann seinem Acker nicht die Saat anvertrauen, kann die Frühkartoffeln nicht stecken, die ohne Verzögerung in den Boden müssten“.

Am 15. April konnte der erste Gottesdienst um 15 Uhr abgehalten werden. Die französische Besatzung wurde wieder durch Amerikaner ersetzt. Und am 16. April wurden in Heilbronn mehrere Personen auf Anordnung des Kreisleiters erschossen, weil sie die weiße Fahne gehisst hatten.

Großgartach war noch immer ohne Wasser- und Stromversorgung. „Kein Radio. Keine Zeitung. Und die Besatzer werden immer mehr zur Plage“

Um 16 Uhr wurde die 18 jährige Wilma Ortwein beerdigt. Sie erkrankte an einer schweren Angina. Auf Veranlassung des amerikanischen Lagerarztes wurde sie im Krankhaus Sinsheim behandelt – ohne Erfolg.

In der Turn – und Festhalle, in der während des Krieges Kettenkräder als ausgelagerter Produktionsort der NSU Werke Neckarsulm hergestellt wurden, mussten nun Souvenirs für die Amerikaner produziert werden. Beliebt waren Aschenbecher und Dosen aus Granathülsen. Nachdem bekannt wurde, dass bei der Rückfahrt der Soldaten in die USA mit dem Schiff Uhren und Schmuckstücke beanstandet wurden, musste Werksleiter Titus einen zweiten Boden in die Granathülsen einbauen, nachdem die Schmuckstücke usw. eingelegt wurden.

Am 21. April wird die Ausgangssperre gelockert. Zwischen 6 Uhr und 19 Uhr dürfen die Felder bestellt werden. Versammlungen sind weiter verboten, ebenso das Zusammenstehen von mehr als 2 Personen auf der Straße. Lebensmittelkarten. Es kam eine schlimme Zeit.

Zur Einsparung von Kohlen wurden ab 14.11.1945 die Bäckereien Gustav Flinspach, Willy Kuttruff und Hermann Leibbrand vorübergehend geschlossen. In Betrieb blieben die Bäckereien Heinrich Eitel, Friedrich Moll, Friedericke Pfeil und Heinrich.

Am 1. Oktober 1945 wurde auf Anordnung der amerikanischen Militärregierung der Schulunterricht wieder aufgenommen werden.

Lassen Sie mich zum Schluß noch einen Zeitzeugen berichten. Frau Ingrid Dietz liest nun aus dem Tagebuch ihres Vaters, Herr Karl Hoffmann:

(Der 18 jährige Karl Hoffmann sollte mit einem Truppentransportzug im Güterwagen ins berüchtigte Kriegsgefangenenlager Böckingen deportiert werden. Das Lager war gefürchtet, denn es ging das Gerücht um, dass alle Gefangenen nach Frankreich in Bergwerke weitertransportiert werden - was sich später als richtig erwies. Beim Passieren des Bahnhofs Klingenberg sprang er an seinem 18 Geburtstag, am 21. August mit einem Kameraden bei ca. 50 km/h vom fahrenden Zug) .

Originaltext „Beim Verlassen des Bahnhofes sagte uns ein Eisenbahner, dass schon seit 22 Uhr Sperrstunde ist, und jeder der noch auf der Straße ist, sofort verhaftet wird. Der Mann warnte uns vor den Amerikanern, die in Großgartach stationiert waren. Trotz der Sperrstunde – es war schon 22 Uhr, marschierten wir über die Felder und kamen um 23 Uhr in Großgartach an. Der Kindergarten war hell erleuchtet und aus den offenen Fenstern hörte man die amerikanische Sprache. Die Kreuzung Heuchelberg-, Kelter- und Bergstraße war hell erleuchtet. Um nicht erwischt zu werden, legte mich auf den Boden und robbte auf dem Bauch liegend, wie ich es beim Militär gelernt hatte, über den Zimmerplatz und verschwand in der Bergstraße. Unten beim Schafstall, sah ich kein Gebäude mehr, nur noch Ruinen füllten den Platz. Plötzlich erschienen 2 Amis, die auf Patrouille waren. In den Ruinen konnte ich mich für ein paar Minuten verstecken, bis die Gefahr vorbei war.

Beim Gang die Heilbronner Straße aufwärts erschien mir immer mehr Helle. Dort, wo hohe Häusergiebel in den Himmel ragten, war plötzlich der Sternenhimmel zu sehen. In der Sonnengasse fehlten einige Häuser, der „Ochsen“, die Bäckerei Eitel, das Wohnhaus Zeyer- für mich gewohnte Anblicke-alle diese Gebäude standen nicht mehr. Ein banges Gefühl quälte mich: steht wohl noch unser Haus, oder ist es ebenso ein Ruinenfeld? Mit zaghaftem Schritt ging ich weiter, sah die Ruine vom Friseur Kohl und Schmied Schneider. Vorsichtig ging mein Blick auf die linke Seite der Heilbronner Straße und stellte freudig fest, dass unser Haus noch stand. Um 23.30 Uhr war ich endlich zuhause und konnte mit meiner Mutter noch meinen 18. Geburtstag feiern. Die Irrfahrt und das Elend, welches mich das letzte halbe Jahr begleitete, fand noch ein gutes Ende.“

Soweit das Tagebuch von Karl Hoffmann.

Gesamtbilanz: Großgartach 214 Personen – gefallen oder vermisst
                       Schluchtern: 76 Personen – gefallen oder vermisst
                       + die 7 Gefallenen Soldaten vom 4.4.1945
                       + 2 Zivilisten + Hermann Maulik
                       + 2 Franzosen und 2 Marokaner
                       + 12 direkt aus Schluchtern deportierte Juden
macht zusammen 316 Personen

Im Heilbronner Friedhof liegt eine Grabplatte mit der Inschrift: „Hier ruhen 41 Euthanasie Opfer. Ihr Tod ist eine Verpflichtung für uns alle“. Die Namen der Toten kennt niemand – schreibt Uwe Jacobi im Buch „Das Kriegsende“. Wie viele von Großgartach und Schluchtern darunter sind, weiß auch niemand.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Dr. Werner Eckstein

Quellenangaben:
• Buch Großgartach Ortschronik Teil II 1933 – 1956,
• Uwe Jacobi: Das Kriegsende , Verlag Heilbronner stimme
• Bürgermeister Sauter: Meldung an das Württ. Statist. Landesamt Stuttgart vom 3. Jan 1949


Fotos:
• Luftbild Großgartach vom 20.09.1929
• Sherman Panzer im Gewann „Im Ravensberg“ : Bild: „Foto Metzger Großgartach“ - Sohn Herbert hat die Genehmigung zum Abdruck des Bildes gegeben.
• Stützmauer im Keller
• Notausstiege im Gewölbekeller
• Aufschrift an den Häusern: „Als Schutzraum geeignet für XX Personen“

Betroffenes Ortszentrum  Shermann Panzer im Birkenweg 
 Luftbild Großgartach vom 20.9.1929  Sherman Panzer im Gewann Ravensberg - heute Birkenweg
   
Kriegsstuetze im Gewoelbekeller Schutzraum bs
Kriegsstütze - Stützpfeiler im Gewölbekeller Schutzraum-Beschriftung "Als Schutzraum geeignet für XX Personen"
   
Notausstieg bs Leinbachbruecke vor Sprengung
Notausstieg aus dem Gewölbekeller Leinbachbrücke vor der Sprengung

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Agenda ist ein lateinisches Wort und bedeutet "Was zu tun ist". Die Zahl 21 steht für das 21. Jahrhundert.

Der Arbeitskreis LebensRaum beschäftigt sich u.a. mit der Historie der beiden ehemaligen Orte Großgartach und Schluchtern und den Besonderheiten der heutigen Stadt Leingarten. Es ist ein natürlicher Prozess, dass das Wissen über die Vergangenheit verblasst und allmählich verschwindet. Dieses Wissen zu bewahren und zusammen mit den heutigen Merkmalen dieser Stadt jedem zugänglich zu machen, sind Teile der Aufgaben des Arbeitskreises. Daraus entstand die Idee für diese Homepage.

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